Sinnorientierte, die Gewissensbildung unterstützende Erwachsenenbildung [Logoandragogik] – [3]

Kritische Lebensereignisse im Form von Veränderungen des Lebensstils, der Bezugsgruppe, der Infra­gestellung des Sinns im Leben und auch weltanschauliche Suchbewegungen werfen die Frage auf, welchen Beitrag die Erwachsenenbildung zur produktiven und progressiven Verarbeitung kritischer Lebensereignisse leisten kann.

Für den Erziehungswissenschaftler Horst Siebert gehört dies zu den wichtigsten Fragestellungen der Erwachsenenbildungsforschung überhaupt. Sie wird in der konkreten Begleitung von Krisenbetroffenen bedeutsam, gilt doch, „dass Menschen, die ihre Lebens­probleme thematisieren, kein Wissen für nachweisbare Qualifikationen aufbauen wollen, sondern in ihrer Lebenssituation ratlos sind und an ihre Lebenserfahrungen, an problemlösende Anstrengungen und schon vorhandene Wissensbestände anknüpfen wollen.“ Eine solches Angebot der Erwachsenenbildung muss demnach bedachtsam formuliert werden, nicht zuletzt, um nicht womöglich „alltägliche Probleme und ‚normale‘ Krisenzeiten zu pathologisieren, dort wo die Anregung zum Durcharbeiten, zum Umdeuten und zu Weitsicht mit der Kompetenz der alltäglichen Helfer ausreichen würde“.

Soll also krisenpädagogisch geprägte Beratung [oder Therapie, oder Coaching, …] nicht aus ‚gut gemeinten‘ Beweggründen zu einer subtilen Form der Entmündigung des Menschen führen,

  • sei es, dass der Berater versucht, sein Lebensmodell oder das anderer Menschen dem Klien­ten als Beweis gelungener Entwicklung vorzuhalten oder sei es,
  • dass er im kreativen Fluss seiner eigenen Vorstellungen dem Klienten einen Möglichkeits­raum suggeriert, dessen Attraktivität den Klienten zwar berührt, dessen Unerreichbarkeit ihn aber aufgrund seiner empfundenen, ihn begrenzenden Bedingungen zusätzlich destabilisiert,
  • sei es, dass das Set an Normen, Werten, Weltanschauungen und Bedeutungen, das der Klient kultu­rell und sozial erworben hat, durch den Berater als krisenursächlich interpretiert wird, ohne dass dieser die damit verbundenen Loyalitäten berücksichtigt,

dann gilt es, eine Didaktik zu pflegen, durch die vermieden wird, dass der Berater in eine Stellvertre­tung des Denkens, Deutens oder gar Handelns gerät. [wird fortgesetzt]