Enneagramm – Charakterstilkunde – 1

Das Enneagramm beschreibt neun charakteristische Charakterstile mit Stärken, Schwächen, Ängsten und Entwicklungsfeldern. Es schaut auf Verhaltensmotive und ermöglicht dem Nutzer, durch aufmerksame  Beobachtung der Verhaltensweisen anderer Menschen auch deren Charakterstil im Laufe der Zeit zu erkennen.

Die genauen Ursprünge des Enneagramms sind unbekannt. Es gilt als ein über Jahrhunderte mündlich überliefertes Modell menschlicher Charaktere. Der Legende zufolge war es Pythagoras
(† 496 v. Chr.), der seine Schüler in die Zusammenhänge des Kosmos einweihte und dabei  die Zahlen von eins bis neun mit symbolischen Bedeutungen belegte. Im weiteren Verlauf entwickelten Gelehrte verschiedene Erklärungsmodelle, die sich über die Zeit hinweg miteinander verwoben und ergänzten.

Das Enneagramm der Neuzeit wird dem bolivianischen Psychologen Oscar Ichazo zugeschrieben, der seinerseits behauptet, es von einer geheimen Mysterienschule einer Sufi-Bruderschaft übernommen zu haben. Der chilenische Psychiater Claudio Naranjo und seine Schüler, u.a. Helen Palmer, haben sich um die Weiterentwicklung des Enneagramms verdient gemacht.

Auch im christlichen Kontext hat das Enneagramm seinen Platz gefunden. Der amerikanische Orden der Jesuiten setzt es seit langem in der Seelsorge ein, von dort aus wird es konsequent über die internationalen Missionen für die geistliche Begleitung von Menschen eingesetzt. Seit 1989 gibt es mit den ersten deutschen Übersetzungen auch  Anwendungsbereiche in Therapie und Training.

Erkenntnistheoretisch arbeitet das Enneagramm zwischen intuitivem Erfassen individueller Wesensmuster und empirisch systematisch-präziser Kategorienbildung. Man darf es durch diese Prägung wohl zu den phänomenologischen Denkkonzepten zählen. Sich das Ergebnis einer Enneagramm-Auswertung als unabänderlichen Typus vorzustellen, würde in die Irre führen – vielmehr dient es als Kompass für eine dauerhafte und nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung.