Krise – wenn mehr scheint als ist – 1

Auch wenn Menschen manche Situationen als Krise bezeichnen, die sich aus ‚professioneller Sicht‘ ‚lediglich‘ als Problem darstellen, darf nicht verkannt werden, dass in der Praxis eine ‚Krise ist, wenn sie sich der Mensch als solche konstruiert‘. Dass ein Mensch ein Ereignis derart konstruiert, wirft letztlich ein Licht auf seine eigene, noch nicht ausreichend entwickelte Kompetenz, einen angemessenen Umgang mit der Situation zu entscheiden.

In der Begleitung krisenbelasteter Menschen nehmen wir in unserer KrisenPraxis daher eine sogenannte phänomenologische Arbeitshaltung ein. Im Kern der Phänomenologie steht die Wahrnehmung, das Erkennenkönnen der Sache selbst, der Dinge in ihrer Gegebenheit und ihren Zusammenhängen. Phänomenologisches Arbeiten will zu dem vordringen, was die Gegebenheiten in ihrem Grunde sind und welche Bedeutung sie haben.

Phänomenologisches Arbeiten will Erkenntnisse gewinnen und – nimmt ein Klient oder Patient auch diese Haltung ein – vermitteln, was und wie weit er erkennen kann. Das Ziel ist, Schein und Sein deutlich abzugrenzen und beidem einen Raum zu geben, zum Beispiel von der Oberfläche ‚mein Partner ist gestorben und ich bin verzweifelt‘ hin zu einer tiefgängigeren Wahrnehmung ‚der Tod hat mein Streben nach Innigkeit und Vertraulichkeit verletzt‘. Phänomenologie sucht somit nach dem Eigentlichen und unterscheidet zwischen der ‚Erscheinung‘ und dem ‚Wesen‘, zum Beispiel einer als solche interpretierten Krise. Sie nimmt das als gegeben, was sich zeigt und ergänzt dieses mit Erfahrung.

Phänomenologische Wahrnehmung braucht Übung und die Geduld dafür, wirklich zu verstehen, was tatsächlich ist und was sich als ‚Wesen‘ zeigt.