Krise – wenn mehr scheint als ist – 2

Eine phänomenologische Haltung einzunehmen, meint, ein ‚geistiges Schauen‘ zu praktizieren. Alles Angeschaute ist berechtigt, Erkenntnis zu liefern. Alles intuitiv Erfasste ist berechtigt, bei der Klärung der Phänomene zu helfen. Wird phänomenologisch gearbeitet, treten persönliche Deutungen, Normen und Interpretationen zurück, einzig die Sache selbst gilt es zu verstehen. Dies klingt einfach, braucht aber doch Vorbereitung und Einstimmung, denn nur allzu leicht beginnt der ‚Verstand‘ zu arbeiten, zu bewerten, zu urteilen. Von Menschen beschriebene Phänomene ’sein zu lassen‘, ihnen die Wirklichkeit zuzugestehen, die sie von ‚ihrem‘ Menschen zugewiesen bekommen, ist ‚Arbeit‘

Was leistet hier ein Therapeut oder Coach:

  • Zuerst richtet sich der Therapeut/Coach mental auf das aus, was nun geschehen wird.
  • Der Klient/Patient berichtet, der Therapeut/Coach löst sich von seinem Ich-Sie-Denken, in seiner mentalen Haltung nimmt er die Denkweise eines ‚wir‘ ein.
  • Der Therapeut/Coach spürt, worum es dem Gegenüber geht, und ist nun erst in der Lage, in einen wechselseitigen Dialog einzutreten.
  • Alle Erwartungen des Therapeuten/Coachs werden zurückgestellt, um Raum zu lassen für das Unerwartete und für die Reflexion dieser Überraschungen
  • Es wird nur über das gesprochen, was erlebt wird. Das geistige Schauen ist im Kern radikale Subjektivität.
  • Coach/Therapeut öffnet sich mit all seinen Wahrnehmungen für sein Gegenüber und erfährt über die Reaktionen des Klienten/Patienten dessen inneres Bild der Möglichkeiten, eine eingetretene Krisensituation neu zu sehen, sich anders als bisher mit ihren Wirkungen zu befassen, bislang Ausgeblendetes einzublenden usw.
  • Jede darauf aufbauende phänomenologische Wahrnehmung ist für den Therapeuten/Coach eine Wahrnehmung seiner selbst.
  • Das ‚Wesen‘ des Krisenerlebens und des Krisenverhaltens zu erkennen, bedeutet, sich bewusst zu halten, dass man selbst als wahrnehmender Therapeut/Coach keine Erkenntnis über ‚das Ganze‘ aufbaut. Auch der Patient/Klient, der im Dialog die Inhalte des ‚Geistigen Schauens‘ erfährt, nimmt anstelle seiner vorherigen Krisenausschnittsperspektive nun nicht das ‚Ganze‘ wahr. Das jedoch miteinander als ‚Wesen‘ erkannte wird nun zur -neuen – Realität.
  • Nach einer phänomenologisch geprägten Arbeit sind beide Gesprächspartner verändert, denn beide haben die Erfahrung eines Sinnbezugs gemacht.