Plädoyer für die Illoyalität

Kennen Sie auch Menschen, die sich von Ihnen abwandten, nur weil Ihre Verhaltensweisen nicht deren Loyalitätserwartungen entsprachen? Wenn Loyalität einen Beitrag zum Systemerhalt leisten soll, dann könnte man auf den Gedanken kommen, dass llloyalität quasi den Bruch desselben beabsichtigt. Oft aber ist genau das Gegenteil der Fall und ebenso oft wird genau dies nicht verstanden.

In jedem System, ob unter Freunden, in der Familie, in Vereinen und Unternehmen, in der Gesellschaft und der Welt braucht es seelische Bindekräfte. Diese Kräfte können sich zeigen in Form von Versprechen der Liebe, der Treue, der Kundennähe, des Glaubens, der Hoffnung und anderen mehr. Wenn diese Bindungskräfte ‚erster Ordnung‘ nachlassen, dann rücken die der ‚zweiten Ordnung‘ nach, unter ihnen die Loyalität. Sie ist eine Art salvatorische Klausel, die eingehalten wird, selbst dann, wenn der Hauptvertrag seine Potenz verloren hat. Dann bleibt man wegen der Kinder zusammen, oder man tritt nicht aus der Kirche aus, obzwar ihre Funktion als Institution längst ihren Stellenwert im Leben des Menschen verloren hat. Oder man steht loyal zum Vorgesetzten, wenngleich die Bereitschaft, für ihn durchs Feuer zu gehen, aufgrund durch ihn ‚erlittener Brandverletzungen‘ nicht mehr gegeben ist.

Loyalität dieser Qualität birgt das Risiko eines sozialen Krebsgeschwürs, in dem Selbstachtung oder der Mut zu einem Neuanfang kaum gelingen. Anders verhält es sich, wenn die seelischen Bindekräfte durchaus noch bestehen, ein Mensch aber merkt, dass sie Gefahr laufen, unter die Räder zu kommen. Bewusst dosierte Illoyalität vermag hier, das System mit einem erforderlichen Entwicklungsschub zu versehen.

Sich innerhalb des Unternehmens zu bewerben und damit dem Vorgesetzten anzuzeigen, dass es unter anderer Leitung auch gute Arbeitsergebnisse geben könnte, regt zur Neubelebung der Arbeitsbeziehung an.
Einmal dem Partner vorzuschlagen, einen Urlaub nicht mit ihm verbringen zu wollen, auch.
Einmal zu gehen, wenn der andere das Bleiben im inneren Protokoll festgeschrieben hat – in diesem Sinne fördert die Illoyalität das Bewusstsein um die eigene Person, die eigene Identität.

Dosierte Illoyalität schafft Freiheitsgrade. Und sie fördert das Verantwortungsbewusstsein für die Grenzen, die gewissenhaft nicht zu überschreiten sind, soll das System nicht absichtlich vor die Wand gefahren werden. Ein solches bewusst schädigendes Vorgehen hätte ehedem den Charakter massiver Energieverschwendung, da es allemal leichter wäre, durch eine klare Trennung anzuzeigen, dass auch die seelischen Bindekräfte ‚zweiter Ordnung‘ ihren Dienst versagen. Wer das nicht schafft, trägt zum Erhalt eines fundamentalen Problems in einem System bei und zeigt Unreife im Sozialverhalten an.

Anders die dosierte Illoyalität. Sie kann wachrütteln für mögliche Abwanderungen, Leistungsabfälle, Ungerechtigkeiten, nicht ausgeglichene Beziehungen. Sie setzt Kreativität frei, Freigeistigkeit, sie knabbert an Monopolansprüchen, fördert den Wettbewerb und ist ein probates Mittel der individuellen Krisenprävention. Dosierte Illoyalität zeigt im Kern den Wunsch an, etwas möge sich weiterentwickeln, ja, man kann sogar sagen, dass diese Form der Illoyalität auf mehr Nähe zu den Bindungskräften ‚erster Ordnung‘ hinweist als auf Trennung. Sie ist nicht voraussetzungslos. In der ‚Tüte‘ des so Agierenden muss etwas gegeben sein, das einen Beitrag zur Verbesserung auch leisten kann. Ist die Tüte leer, dann mutiert die Illoyalität zum Energieverschwendungsspiel.

Aber auch die Systemakteure sind gefordert. Lassen Sie den Abwehrmechanismen ihrer Psyche freien Lauf, dann erkennen sie nicht die ‚Botschaft‘, sondern empfinden sich in ihrer Welt angegriffen. Dies ist ein ewiges Problem, bei dem es der Illoyale unter Bezug auf systemisch- kommunikative Erkenntnisse leichter hat, denn: „Ich bin ganz verantwortlich für das, was ich sage, aber nicht für das, was Sie hören.“ [Humberto Maturana] Will sagen, der ‚Illoyale‘ kann nie mit Sicherheit sagen, wie ein anderer Mensch auf eine derartige ‚Verstörung‘ reagieren wird und ebenso wenig kontrollieren, ob das mit Verantwortung vollzogene Illoyale als solches ‚richtig‘ gedeutet wurde. In voller Kenntnis dessen ist bewusste, entwicklungsintendierte, nahe Illoyalität – ‚leicht‘. Ihr gegenüber stehen die ‚schweren Geschütze‘, die aufgefahren werden, um dieser Leichtigkeit Einhalt zu gebieten: Liebesentzug, Exkommunikation, Wettbewerbsklauseln, Kundenbindungsprogramme, lange Vertragslaufzeiten, Propaganda, Gerüchte, das Einreden von Schuldgefühlen, Drohgebärden, auch zu etwas verpflichtende Erbschaften und was Menschen sonst noch alles auf Lager haben, um sich selbst und Organisationen klein zu halten, weil sie nicht begreifen, dass Illoyalität nicht mit Wankelmut gleichzusetzen ist. Die Folge eines solchen Umgangs mit bewusster Illoyalität ist – die reife Trennung in Freiheit und Verantwortung.