Angriff auf die Werte – ein Coachingpraxisbericht – 13

Frau Helfi erzählt, sie sei ja unter anderem auch verantwortlich für den Kauf frischer Blumen für die Vorstandsbüros. Am vergangenen Montag sei der Florist wie üblich erschienen und hätte jedoch nicht die Blumen liefern können, die ihr Vorgesetzter mag und die sie immer für ihn bestellt. In dieser Situation habe sie den Floristen gefragt, ob er wohl auch schöne Trockensträuße hätte. Nach einiger Zeit hatte der Florist aus seinem Geschäft eines dieser Strohblumengebinde  geliefert, und Frau Helfi machte sich daran, diesen Strauß im Büro ihres Vorgesetzten zu ‚drapieren’. „Sie wissen ja, bei solchen Blumen bröselt es schon beim Hinsehen. Für mich war das schon eine Überwindung.“

Und sie berichtet weiter: „Kurze Zeit später traf mein Chef dann auch ein, ging wie nun zumeist üblich mit einem gemurmelten Gruß an mir vorbei in sein Büro, warf die Türe so zu, dass sie mit einem knappen Spalt geöffnet blieb und ich hören konnte, wie er sich zuerst hinsetzte, die Gasfeder seines Bürostuhls die bekannten Zischlaute von sich gab, um nach kurzer Zeit mit dem gleichen Zischen des Stuhls wieder aufzustehen, zur Türe zu kommen, seinen Kopf zu mir herauszustrecken und mich zu fragen: ‚Sagen Sie, haben wir beide etwas zu besprechen?‘“

Frau Helfi weiter: „Mir fiel in diesem Moment fast mein Herz in die Hose, und trotzdem sagte ich, dass das wohl gut sein könne. Und er meinte: ‚Dann kommen Sie bitte herein.‘“

„Zum ersten Mal ließ mich mein Chef vorangehen und bot mir den Stuhl an, der seinem Schreibtisch
gegenüberstand. Kaum saß ich, überraschte er mich völlig mit dem Satz: ‚Sagen Sie, Frau Helfi , woher wissen Sie so gut, wie ich mich fühle?‘ Bei diesem Satz deutete er auf die Trockenblumen. Ich war total erstaunt, konnte dann aber erwidern: ‚Wieso Sie? So wie den Blumen, so geht es doch mir!‘ Darauf meinte der Vorgesetzte: ‚Dann scheinen wir ja jetzt über eine Gemeinsamkeit zu sprechen.‘“

Was dann folgte, war für Frau Helfi wie eine Offenbarung. Ihr Chef berichtete, er habe vor einigen Wochen eine Diagnose von seinem Arzt erhalten, die für ihn eine extreme körperliche wie seelische
Belastung bedeute. Zudem habe er seinen Pflichten gemäß den Aufsichtsrat über die eingetretene Situation informiert, wonach dieser ihn kurzerhand weitgehend seiner operativen Geschäfte
enthoben habe. Vorgesetzter: „Mir wurde es als ‚zu meinem Wohl‘ erklärt, dabei hatte ich schon erwartet, dass ich die Form meines Rückzugs selbst hätte gestalten können.“ Frau Helfi hörte erstmals, wie schwer die Lebenslage ihres Vorgesetzten war und konnte sich nun die Verhaltensmuster der Vergangenheit gut erklären.