Angriff auf die Werte – ein Coachingpraxisbericht – 2

Die Klientin schreibt:

… es gibt Zeiten im Leben, die erlebt ein Mensch nicht als Lebenszeit, vielmehr als Quälzeit. In einer solchen Quälzeit befinde ich mich, und meine Kräfte nehmen ab. Ich habe das Empfinden, dass in meinem Unternehmen etwas sehr Subtiles mit mir geschieht. Die Ursache dafür sind Verhaltensweisen meines Vorgesetzten, die sich mir seit Monaten nicht mehr erschließen.
Mein Vorgesetzter ist die letzten beiden Jahre der Sprecher der Geschäftsführung gewesen und nun zum Ende des Quartals zurückgetreten. Mit diesem Schritt sind auch weitere Positionen verbunden, einzig die Geschäftsführung in einer Auslandsorganisation behält er bei. In den vergangenen Wochen, in denen nicht er, sondern die Gerüchteküche darüber informierte, hatte ich ihn immer wieder auf das Thema angesprochen, jedoch ausweichende Antworten erhalten. Erst nach der entscheidenden Sitzung des Aufsichtsrats kam er beim Gang in sein Büro an mir vorbei und sagte, er sei zurückgetreten. Unter einer  vertrauensvollen Zusammenarbeit stelle ich mir nun wahrlich anderes vor, und es verletzte mich schon sehr, dass die Stimmen ‚hinter seinem und meinem Rücken‘ in eine Richtung gingen wie, ich wüsste wohl nicht, was los sei.

Am Tage der Entscheidung sprach ich ihn nachmittags an und fragte ihn, ob ich etwas für ihn tun könne, denn sicher gäbe es doch nun einige Informationen zu erteilen. Er aber gab mir
nur unwirsch ein ‚nein, danke‘ und bat darum, ihn nicht zu stören. Ich habe in meinen über 20 Berufsjahren schon einige Situationen im Management erlebt, in denen der Grad an Verschwiegenheit und Isolation groß war und mancher vielleicht sogar beleidigt gewesen wäre, dass er nicht involviert wurde.

Die früheren Situationen konnte ich aber gut zuordnen, weil mir stets solche heiklen Momente derart angekündigt wurden, dass ich sie richtig einordnen und politisch auch wirkungsvoll flankieren konnte. Diese nun aber hat mich völlig verunsichert und traurig gemacht, und ich frage mich, ob ich denn irgendeine Schuld trage, die meinen Vorgesetzten zu einer solchen Haltung veranlasst hat. Überdies irritieren mich Verhaltensweisen,
die, alleine für sich genommen, vermutlich keine besondere Auffälligkeit aufweisen – wenn ich aber nun selbst lese, was ich alles erinnere, dann bin ich doch sehr sorgenvoll.
Seit Wochen nehme ich einen Menschen wahr, der fahrig und hektisch wirkt, plötzlich und unerwartet sein Büro verlässt, um mit seinem Sportwagen für meist eine Stunde in die Schnelligkeit zu verschwinden und dabei einige Male von Mitarbeitern unseres Unternehmens gesehen wurde. Ich habe zudem bereits einige Verwarnungsgelder für seine Übertritte bearbeiten dürfen. Von produktiver, geschweige denn kooperativer Arbeit
ist seit mehreren Wochen immer weniger zu spüren. Seine Impulse reduzieren sich darauf, in Meetings hineinzuplatzen, dort Botschaften zu lancieren und die Diskussion über diese
Botschaften dann abzubrechen mit Sätzen wie ‚Sie werden sich dazu sicher geeignete Schritte einfallen lassen.‘

Habe ich meinen Vorgesetzten von Anbeginn nicht als besonders der Ordnung verpflichtet in Erinnerung, so nimmt dieses Chaos nun seit geraumer Zeit für mich ärgerliche Dimensionen
an. Anfragen an ihn beantwortet er nicht oder er schreibt ‚to do‘ auf die Seiten und gibt sie mir zurück. Seine Zeitplansysteme werden von ihm ohne Aufmerksamkeit genutzt, so tauchen in meinem Büro Personen auf, die vehement angeben, Termine bei ihm zu haben, sich dann jedoch herausstellt, dass diese Termine zwar vergeben, aber an falscher Stelle durch ihn eingetragen wurden. Die Position meines Vorgesetzten ist vermutlich der Grund dafür, dass die Besucher den jeweiligen Lapsus verzeihen und sich dann von mir vereinbarte Termine zuteilen lassen. Aber auch hier ist es schon vorgekommen, dass ein solcher Termin von seiner Seite dann schlicht nicht wahrgenommen wurde und der Gast zum zweiten Mal ohne Resultat unser Unternehmen wieder verließ. Mir sind solche Situationen zutiefst peinlich, und ihn darauf angesprochen, erhalte ich Antworten wie: ‚Es gibt Schlimmeres als einmal umsonst auf dem Parkplatz unserer Firma verweilt zu haben.’

Ich habe viel zu tun, aber es wundert mich, dass dabei die Anteile meiner Aufgaben, die unmittelbar mit dem Verantwortungsbereich meines Vorgesetzten verbunden sind, in den vergangenen Monaten kontinuierlich abgenommen haben. Ich erhalte signifikant weniger Anrufe oder Mails an ihn, Vorbereitungen auf Meetings mit seinen Direct Reports fallen spärlich aus, und früher häufige Einladungen zu irgendwelchen Events bleiben zunehmend aus.

Nach wie vor bereite ich ihm seinen sündhaft teuren Kaffee, den er auf einer Dienstreise einst für sich entdeckte, um ihn dann abends wieder zu entsorgen, ohne dass er auch nur eine Tasse genossen hätte. Natürlich erhalte ich die Antwort, dass der Kaffee nach wie vor gewünscht wird.

Die Unachtsamkeiten, die er in Sachen notwendiger eigener Insulingabe, Sitz der Kleidung oder Weitergabe vertraulicher Schriftstücke an Unbefugte zeigt, korrigiere ich, so gut ich sie
wahrnehme. Äußerlichkeiten, die sich in seiner Körpersprache oder in Auffälligkeiten wie Blut an den von ihm genutzten Handtüchern zeigen, machen mir wirklich Sorge.

Die Anläufe ihm zu helfen, kann ich bald nicht mehr zählen. Ich fühle mich fast wie ein Spürhund, der seit vielen Wochen schon darauf wartet, dass wieder etwas geschieht, was zu korrigieren oder wo ihm zu helfen ist. Aber ich fühle auch, dass es so nicht mehr weitergeht. Meine Partnerschaft leidet, meine Beziehungen zu Freunden leiden, weil sich meine vorgetragenen Themen zwar spannend und schräg zugleich anhören, ich aber am Schönen des Tages kaum mehr teilhabe oder ich mich radikal aufraffen muss, um mich von dem Erlebten und Erwarteten zu lösen. Mein Mann meint, seit Monaten würde bei uns die Musik immer lauter, und er meint auch, ich solle mir helfen lassen. Ich merke, dass mein Akku nicht mehr lange aushält.

Viele Grüße
M. Helfi