Angriff auf die Werte – ein Coachingpraxisbericht – 5

„Es liegt mir fern, eine Wahrheit zu beanspruchen. Im Gegenteil, ich mag Sie gerne fragen, ob Sie vollends davon überzeugt sind, dass wir bereits eine Ihrer eigenen zahlreich erarbeiteten Annahmen
als Ursache für die Situation ansehen können?“

Frau Helfi schaut über ihre Liste und meint, nein – denn, wenn das so klar wäre, dann wäre ihr ja schon viel wohler. Mit Blick auf meine Hypothesenliste:  „Wenn ich das alles lese, was Sie als
Möglichkeit annehmen, dann fühle ich, dass ich auch viele dieser Annahmen nicht ganz ausschließen kann – sehe ich einmal von den letzten drei ab –, aber – nein, das kann doch nicht sein. Oder doch? Ich habe den Eindruck, mir gleitet alles aus der Hand, es ist ja zum Verzweifeln.”

„Ich nehme wahr, dass Sie nach einer für Sie plausiblen Wahrheit suchen. Ich nehme auch wahr, dass für Sie das, was von uns bereits als ‚Möglichkeiten’ zusammengetragen wurde, noch keine
Erkenntnis darstellt. Im Grunde finden Sie in dem Ganzen keinen Sinn, die Situation ist für Sie wie aus dem Nichts entstanden, die Vielzahl der denkbaren Einflussgrößen verwirrt Sie, die Klarheit für
Entscheidungen und Handlungen ist ein Stück weit abhanden gekommen.“

„Ja, das stimmt. Es ist halt alles wirklich ‚unerfindlich‘.“

„Nun, wenn es also im Moment nicht möglich ist, dem Kind einen genauen Namen zu geben, wenn wir es also eher mit einer Gemengelage zu tun haben, dann halten wir die Hypothesensammlung für eine Weile im Hinterkopf und schauen, wozu es dann für Sie gut sein kann, dass Sie heute hier sind? Dass Sie zu mir 500 Kilometer gefahren sind – wenn das Ganze für Sie keinen Sinn hat und die Klarheit fehlt?“

Frau Helfi überlegt eine Weile und sagt schließlich: „Mir fällt nichts Besseres ein als dass mir nun etwas in meinem Leben etwas zum Lernen aufgetragen hat. Wissen Sie, ich habe mich selbst schon gefragt, warum ich eigentlich noch nicht die ganzen Brocken hingeworfen habe. Ich fühle, irgendwie wäre dann alles einfacher, aber nicht wirklich leichter. Ich weiß im Moment nur eins: Ich bin zermürbt, freudlos, und mein Akku hat nur noch wenig Reserve. Wenn Sie mir auch nicht helfen können, dann weiß ich auch nicht mehr weiter.“