Bewusstheit – die Basiszutat für Krisenprävention

Die gesamte Klaviatur des Denkens und Handelns auch auf Situationen hin anzuwenden, deren Eintreffen sich zwar kein Mensch wünscht, die sich jedoch nicht vollends auszuschließen lassen, zeigt die Fähigkeit zur Krisenprävention an.

Das Graves-Value-System ist ein zur Entwicklung von Krisenpräventionskompetenz hilfreiches Modell. Es erklärt die derzeitige Bewusstheit eines Menschen und hilft damit zu beschreiben, in welcher Bewusstheit ein Mensch eine Krise wahrnehmen würde und sie zu überwinden versuchte, würde sie aktuell eintreten. Die Crux bei diesem Gedanken ist nur: Würde diese Bewusstheit passend zur Bewältigung der Situation sein, dann hätte die Person gar keine Krise, sondern ‚lediglich‘ ein Problem. Mit anderen Worten, in einer Krise ist ein Bewusstheitszustand erforderlich, der vom Betroffenen üblicherweise nicht eingenommen wird. Um so wichtiger ist es, andere Bewusstheitszustände im Rahmen der individuellen Krisenprävention kennenzulernen.

Doch zuerst zum Modell. Professor Clare W. Graves fuhr ein klappriges Auto, das so alt war, dass er, amerikanischer Entwicklungspsychologe, von vielen in seinem Umfeld als schrullig und old fashioned angesehen wurde. Aber es dürfte sicher anders sein, denn: Graves begann vor fast 50 Jahren damit, die Entstehung menschlicher ‚Existenzebenen’ zu erforschen. Sein Zugang dazu war die Frage, was einen psychisch gesunden Menschen ‚ausmacht’. Welch ein Forschungsanspruch!

Er erkannte, dass Menschen sich nicht nur – wie von Maslow angenommen – über die Befriedigung von Bedürfnissen definieren, sondern dass jeder Stufe existenzieller Entwicklung ein in sich geschlossenes Wertesystem zugrunde liegt.

Bild Graves
Die – bisher acht – Entwicklungsebenen [ich empfehle den Ausdruck dieser beiden Übersichtsseiten über Meme [Entwicklungsebenen / Denkformen ] sah Graves sowohl evolutionär als auch individuell an. Auf der ersten Ebene der Entwicklung der Menschheit als auch des einzelnen  Menschen steht das Überleben durch die grundlegenden Formen körperlicher Befriedigung. Auf der zweiten Ebene  stehen die Werte rund um das Thema Zugehörigkeit und Sicherheit. Es folgen Macht und Ruhm (Ebene 3), Ordnung und Struktur (Ebene 4), Leistung und Erfolg (Ebene 5), gütevolle Beziehungen (Ebene 6), Selbstachtung (Ebene 7) und Frieden in einer unverständlichen Welt (Ebene 8).

Graves betont in seinem Konzept, dass es für einen Menschen nicht zwingend ist, das Verhalten zu zeigen, das seiner am höchsten entwickelten Bewusstheitsebene entspricht. Im Gegenteil – da keine der Stufen für ihn höherrangiger oder besser sind als die anderen, steht im Fokus vielmehr die ‚Passung‘ der Bewusstheit an die bestehenden Lebensbedingungen.

„Wenn eine Seinsform aufhört für die Lebensrealitäten zu funktionieren, dann ist eine andere Seinsform – entweder höher oder tiefer in der Hierarchie – die bessere.“

Wir verstehen unter dem, was Graves ‚Seinsform’ nennt, die Bewusstheit, mit der ein Mensch hier und jetzt ein Thema angeht. Dabei unterscheiden wir Bewusstheit vom weiter reichenden Bewusstsein, das sich über die Lebensphasen des Menschen hinweg kontinuierlich weiterentwickelt.

Diese Differenzierung ist für uns zweckdienlich, lässt sich doch so leichter nachvollziehen, dass zum Beispiel ein Mensch in seinem Leben bereits eine Fülle von Gedanken, Bewertungen, Erinnerungen, Konzepten usw. gehabt und vollzogen haben kann, dies alles aber für eine aktuell gegebene Lebensbedingung unzureichend ist.

Ereilt einen derart erwachsenen Menschen beispielsweise erstmalig eine finanzielle Krise und hat sich dieser Mensch bereits zur siebten Graves-Stufe entwickelt, so kann es für ihn sehr passend sein, auf die Stufe 4 zurückzukehren und eine bessere Struktur in die Einnahmen- und Ausgabensituation zu bringen. [Hätte diese Person diese – vierte – Entwicklungsstufe jedoch nicht hinreichend entwickelt, so stünde in einer solchen Situation ein Lernprozess an.]

Ein anderer Mensch in ähnlicher Situation wird hingegen vielleicht eher – der Stufe 5 entsprechend – alle Anstrengungen unternehmen, um über Mehrleistung eine finanzielle Entlastung zu bewirken.
Es wird deutlich: Das Graves-Modell betrachtet die Art des Denkens und Handelns eines Menschen und die über die Zeit beobachtbaren Veränderungen im Denken und Tun, während die Inhalte, um die es geht, zweitrangig sind.

Jedes der Wertesysteme hat typische Konfliktpotenziale und typische Lösungswege. Ein Thema wie zum Beispiel ‚Entscheidung’ wird ein Mensch mit hochentwickelter Stufe 2 so angehen, dass seine Integration in Familie, seine Zugehörigkeit in eine Gruppe nicht gefährdet wird. Ein Mensch ‚auf
Stufe 5’ wird eine solche ‚Wir-Orientierung’ nicht zeigen und eher in einer Weise entscheiden, so dass der individuelle Erfolg gesichert wird. Ein solches Tun jedoch kann in einem anderen zentralen Thema wie ‚Trennung’ für jemanden auf Stufe 5 zu einem Problem werden, so dass diese Person bei einer Situation, die mit Trennung, Abschied oder Tod verbunden ist, möglicherweise in eine Verhaltensweise wechselt, die mit dem Wertesystem der Stufe 6 verbunden ist und damit für die betroffene Person eine neue Form der Bewusstheit im Umgang mit einer solchen Situation darstellt.

Der 60er-Jahre Fiktion einer Welt, in der alle Menschen sich verstehen und glücklich sind, stellt Graves eine Theorie gegenüber, die den Menschen also in ‚Spannung’ hält und ihn zur permanenten
Auseinandersetzung mit seiner Existenz herausfordert.

Das Graves-Value-System ist die Grundlage des von Don Beck und Christopher Cowan entwickelten Modells der ‚Spiral Dynamics’.Steht Graves für ein entwicklungstheoretisches Konzept, so konkretisieren Beck und Cowen es für die praktische Anwendung, unter anderem für die Entwicklung von Organisationen und Individuen. In ‚Spiral Dynamics’ wird der Übergang von einer Stufe zur
nächsten auf der Entwicklungsspirale mit Farben dargestellt – auch um zu verhindern, dass die jeweiligen Stufen als ‚besser’ oder ‚schlechter’ verstanden werden.

Wie im Graves-Value-System betont auch das Spiral Dynamics Konzept, dass die jeweilige Entwicklungsstufe für die aktuelle Lebensbedingung des Menschen passend sein muss. Wurde
eine Entwicklungsstufe von einem Menschen nicht hinreichend entwickelt oder stellen Lebensbedingungen eine Anforderung an den Menschen, die erst durch eine höhere Entwicklungsstufe erfüllt werden kann, so ermöglicht diese Situation einen neuen Lernprozess.
Das Lernziel im Krisenkontext besteht dann darin, die unpassende Bewusstheit zugunsten einer
existenziell sinnvolleren zu verändern.