Ist die Krise in der Krise?

Die verschiedenen Perspektiven der Krisentheoretiker eint, dass sie den Menschen potenziell stets von Lebenserschütterungen konfrontiert sehen, denen er mit seinen bislang erlernten Bewältigungsstrategien eher erfolglos begegnet. Die ‚Wege zur Krise’ sind dabei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Je nachdem, ob und wie stark die Person ein ‚Gap’ zwischen der subjektiven Bedeutung des Problems und den persönlichen Bewältigungsressourcen ausmacht, reicht die Interpretation der Situation von
– ‚Ach, das wird schon’, über
– ‚‚Ich sehe die Lage als Möglichkeit zur Reifung meiner Persönlichkeit an’ bis hin zu
– ‚Wenn ich das nicht in den Griff bekomme, dann scheitere ich’ oder
– ‚Das macht mich fertig’.

Diese Bandbreite wirft Fragen auf wie:

  • Wann beginnt eine Situation zu einer Krise zu werden?
  • Ist jedwede formulierte Lebensschwierigkeit bereits ein potenzielles Thema für eine Intervention durch Dritte?
  • Wie vermag ein Mensch seine erforderlichen Ressourcen zu erkennen, um aus dieser Kenntnis wohlüberlegt eine Unterstützung in Anspruch zu nehmen?
  • Führen voreilige Schlüsse, einer erschütternden Situation nicht gewachsen zu sein, à la longue nicht zu einer ‚Psychiatrisierung’ von Vorgängen, die Menschen zwar gerne vermeiden oder zumindest nicht erneut erleben wollen, deren inhärente Aufgabenstellung jedoch zu den tiefsten Aspekten des Menschseins zählt?
  • Welches Menschenbild ist angemessen, um einen Menschen in einer von ihm als Krise interpretierten Situation weder zu über- noch zu unterfordern?
  • Wie geht man damit um, wenn ein Mensch eine Unterstützung sucht, die den vorhandenen Potenzialen und der eigenen Verantwortlichkeit des Klienten zuwiderläuft?

Gerade der Punkt ‚Wann ist eine Krise wirklich eine Krise?’ ist im Licht eines heute verfügbaren gewaltigen Interventionsangebotes nicht ohne Belang, wenn wir zum Beispiel sehen, dass bei großflächigen sozialen Veränderungen, die im Mikrokosmos eines Unternehmens [z.B. Fusion] oder im Makroumfeld unserer ‚Erste-Welt-Gesellschaft’ [z.B. Erhöhung des Renteneintrittsalters] vollzogen werden, meist sofort auch über Krisenreduktionsprogramme mitverhandelt wird [wie Begriffe wie Auffanggesellschaft, Sozialplan, Outplacement, Mindestlohn u.a. andeuten]. Dies pauschal zu würdigen oder zu kritisieren wäre entweder zu rosig oder zu finster gezeichnet, fehlen doch weithin belastbare Zahlen bezüglich der Wirkung solcher Angebote.

Auf der Oberfläche betrachtet scheint die ‚Vor-Wegnahme’ möglicher Herausforderungen an das Leben durch die Bereitstellung facettenreicher ‚Ent-Lastung vor Be-Lastung’ eine Art entkulturierte Lernerfahrung für uns zivilisierte Menschen geworden zu sein. Es scheint, als wäre die ‚Krise in der Krise’, da das ihr innewohnende Potenzial innovativer Systemveränderung entlernt wird, bevor der Umgang mit ihm gelernt wurde. Wenn die kräftigen Wachstumsraten sowohl bei profund qualifizierten und arbeitenden Gesundheitsdienstanbietern als auch bei para-professionell-dilettantischen Therapie- und Trainingsangeboten ein Faktum des Zeitgeistes sind, dann muss die Frage erlaubt sein, ob Menschen – was ich bezweifle – noch über das mögliche Maß ihrer persönlichen Tragkraft Bescheid wissen oder ob sie sich immer mehr in einem Lebensmodell einrichten, in dem, wenn es ernst wird, erwartet wird, dass schon jemand oder etwas da sein wird, das beisteht.

Eine reflexiv entwickelte ‚Tragkraft-Bewusstheit’ hingegen stellt eine gute Grundlage dar für eine passender dimensionierte und zumutungsorientierter temperierte Unterstützungsdienstleistung. Der Lohn der Selbsterkenntnis über die zugrunde gelegten Kriterien ‚für und wider individuelle Krisenbelastbarkeit’ besteht im effizienten Diskurs über ausgeblendete Ressourcen und Risiken, über Annahmen, gedankliche Fixierungen, tiefe Überzeugungen oder über das vermeintlich ‚gute
Gefühl, dass schon nichts Schlimmes passieren wird’.

Im idealen Fall einer derart entwickelten Bewusstheit vermag ein Mensch selbstachtsam seine konkret erwartbaren und die in seiner Vorstellungswelt szenarisch als potenziell einschneidende Krisensituationen gespeicherten Themen anzuschauen und krisenpräventiv zu handeln.