Archiv für den Monat: Juli 2014

„Für das menschliche Leben gilt, dass es auf Heilsein, auf Heilheit angelegt ist.
Ein jeder kann in eine Situation geraten, in der nur Besinnung hilft, Sinnsuche. Dieser Sinn liegt in der Situation selbst. Heilen heißt deshalb Hinführen zum Sinn, Hilfe bei der Sinnsuche, und Heilsein bedeutet, eingebettet sein in den Sinn-Zusammenhang, der unser Leben mit dem der anderen verbindet“.

Walter Böckmann, Psychologie des Heilens. Arbeit – Konflikt – Kranksein in der Industriegesellschaft, Freiburg: Herder Verlag 1982, S. 155

Der Mensch und seine Zufriedenheit

Menschen handeln so, dass sie maximale Befriedigung bei minimalem Einsatz erhalten.
Menschen wählen nie etwas, wenn sie nicht die Aussicht auf Gewinn haben.
Zwischen Leidvollem und Angenehmen, wählen Menschen immer das Angenehme.

Diese Thesen, die in diesem Video vertreten werden, repräsentieren auf anschauliche Weise ein Menschenbild, dass der Sinntheorie Frankls und der Arbeit in der Logotherapie nahezu diametral gegenüber steht. Welches Bild vom Menschen zeichnen Sie?

Warum überhaupt Sinn? – 4

„Wie geht es Ihnen?“
„Ich bin zufrieden.“
„Wofür?“

Ist der Quotient aus Erwartetem und Erreichtem für einen Menschen dauerhaft negativ, dann empfindet er seine Welt so, als würde sie ihm aus der Hand gleiten, wegschmelzen. Blickt der Mensch dann in die Zukunft, erscheint sie ihm mehr denn je als unkontrollierbar, als fragil, als sinnleer.

In der Tat: Die Komplexität nimmt zu, die Länge des Lebens nimmt gesamtgesellschaftlich zu, die Risiken nehmen zu, die Rezepte zur Lebensgestaltung auch. Wo bleibt die persönliche Ortung und Ordnung, wo das Gefühl der Genug-Tuung? Was ist bleibend, was hat für mich Substanz?

Zufrieden zu sein, im Einklang mit sich zu leben, das sind starke Aussagen. Wer sie reflektiert äußert, der führt offenkundig ein gelingendes Leben.

Reflexivität meint in diesem Zusammenhang auch, Sinnlosigkeitsgefühlen entgegenzuwirken, die sich im Leben auch dann einnisten können, wenn wichtige Säulen wie familiäre Stabilität, beruflicher Erfolg, gesundheitliche Unbeschwertheit, materielle Sicherheit, erfreuender Bekanntenkreis u.a.  gut entwickelt sind.

Wir erleben in unserer Praxis öfter Menschen, die ‚an sich nicht klagen können‘, bei denen aber doch das dumpfe Gefühl hochkommt, der persönliche Einsatz für dies oder das könnte Gefahr laufen, in die Leere zu führen. Wenn man eine schleichende Unzufriedenheit wie eine Erkältung kommen sieht, weil zwar alles ‚in bester Ordnung‘ ist, nur die Person nicht mehr weiß, wozu die Ordnung gut ist.

Ein gelingendes Leben zu führen ist kein Zustand, der einmal erreicht, auf ewig garantiert ist. Damit Leben gelingt, braucht es immer wieder den bewussten Abgleich der persönlichen Werte mit den – sich gegebenenfalls langsam sich verändernden – Bedingungen.

Vielleicht ist vergleichbar mit einer Partnerschaft, in der sich beide gut fühlen, aber immer wieder etwas für die Partnerschaft tun müssen, damit sie weiterhin erfreuend gelingt.

„Der Mensch braucht eine dosierte Spannung, die er erfährt durch die Anforderung von einer Aufgabe her, deren Erfüllung einzig und allein diesem einen Menschen vorbehalten, abverlangt und aufgetragen ist. Solche Spannung ist nicht psychisch gesundheitsschädlich, sondern fördert seelisches Gesund-Sein. [Frankl, gekürzt]

Warum überhaupt Sinn? – 3

Neben den täglichen Möglichkeiten, wertebewusste Entscheidungen zu treffen oder Handlungen auszuführen und damit ein Gefühl der Sinnerfüllung zu erleben, wird die Bedeutung der persönlichen Wertebewusstheit in existenziell extrem belastenden oder bedrohenden Situationen noch größer.

Verliert ein junger Mensch seine Eltern durch einen Autounfall oder gelingt ihm der Abschluss einer Prüfung nicht, dann wird die Frage nach dem Sinn konkret durch den Zweifel daran, der neu entstandenen Situation ‚gewachsen zu sein‘.

Verliert ein erwachsener Mensch durch beruflich permanenten ‚Change‘ den Bezug zu dem, was er ‚eigen-tlich‘ im Leben bewirken wollte und empfindet er sich als Erfüllungsgehilfe eines Systems, in dem er eher das Leben anderer lebt als seines, dann wird die Frage nach dem Sinn konkret durch den Zweifel daran, ’sich selbst noch zu kennen‘.

Verliert ein durch viele Lebensstationen gegangener Mensch das Gefühl, dass die Weiterführung des bisherigen Lebens wirkliche Erfüllung bringt, dann wird die Frage nach dem Sinn konkret durch den Zweifel daran, ‚dass das alles gewesen sein kann‘.

Verliert ein durch viele Lebensstationen gegangener Mensch das Gefühl, dass die Weiterführung des bisherigen Lebens wirkliche Erfüllung bringt, dann wird die Frage nach dem Sinn konkret durch den Zweifel daran, ‚dass das alles gewesen sein kann‘.

Verliert ein auf die Endlichkeit des Lebens zugehender Mensch das Gefühl, seiner empfundenen Sinnleere entkommen zu können, dann wird die Frage nach dem Sinn konkret durch den Zweifel daran, ‚ein Wofür im Leben gehabt zu haben und nicht in Seelenruhe gehen zu können‘.

Für alle Lebensphasen mit ihren potenziellen oder sicheren Umbrüchen stellt für mich die Bewusstheit des eigenen Wertesystems daher die größte Chance dar, rechtzeitig präventiv dem vorzubeugen, was Viktor Frankl als ‚existenzielles Vakuum‘ bezeichnet hat, dem tiefen Fall in eine Sinnkrise. Und ist Prävention nicht mehr möglich, dann vermag das logotherapeutisch geführte, [zukunfts-]biografische Gespräch die Sinn-findung zu erleichtern und eine ‚Tragödie in einen Triumph zu verwandeln‘ [Frankl].

 

Warum überhaupt Sinn? – 2

Echte und getarnte Sinnfragen können sich dem Menschen täglich stellen. Die vielen kleinen Fragen, die sich dem Menschen stellen, zum Beispiel, ob er die kranke Mutter in der Klinik besucht oder doch eine Projektaufgabe im Unternehmen zum Abschluss bringt; ob er einen Preisvergleich von Arzneimitteln im Internet vornimmt oder die dafür eingeplante Zeit dafür verwendet  mit dem Kind Federball zu spielen; ob er sich bei diesem Unternehmen bewerben soll; ob er eine Fastenkur einlegen soll …. – die meisten dieser Fragen werden nicht derart beantwortet, ob dies oder das sinnvoll ist, sondern meist so, ob es zweckdienlich ist, dies oder das zu machen. So kann ein günstiger Arzneimittelkauf dem Zweck dienen, das Haushaltsbudget zu schonen; mit dem Kind Federball zu spielen, kann dem Zweck dienen, das Bild eines ‚guten Vaters‘ abzugeben..

Aber ist Zweckdienlichkeit auch Sinnhaftigkeit? Zwecke tarnen sich oft als Sinn – ein Umstand, der sich lohnt, immer wieder neu reflektiert zu werden. Geschieht dies bewusst, dann mischen sich die Werte eines Menschen ein. Hat die Oma angerufen und fragt ihren Enkel, ob er wohl für sie einige Medikamente im Internet kaufen könne, weil diese dort ja günstiger seien, dann kann der Enkel dies dem Spiel mit dem Kind vorziehen, wenn er zum Beispiel die Liebe zur Oma, die Unterstützung alter Menschen, und die Pflicht, einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Lebensqualität der Oma erhalten bleibt, in dieser Situation höher einschätzt als zum Beispiel die Liebe zum Kind, den Ansporn zum gemeinsamen Spiel und die Zuwendung, die einen Beitrag dafür leisten würde, die Beziehung zum Kind positiv zu gestalten.

Sinnhafter wird, was denjenigen Werten entspricht, mit deren Verwirklichung ein Mensch in einer Situation eher im Einklang steht als durch die Verwirklichung anderer. Dabei kann eine derartige wertebewusste Entscheidung beim Gegenüber – hier dem Kind – zu einem Gefühl der Ab-Wertung führen. Einzig eine reflektierte Wertekommunikation kann hier zu einem Verstehen der Entscheidung beim anderen Menschen führen. Geschieht dies nicht, bleibt Orientierungslosigkeit zurück und – hier das Kind – fragt sich dann womöglich ‚hat mich mein Papa nicht mehr lieb? o.a.‘

Da sich in jeder neuen Situation wieder ein neuer Bezugsrahmen für einen Menschen ergeben kann, gilt es, den Werteabgleich jederzeit aufs Neue vorzunehmen. Nur ein kleiner Unterschied, zum Beispiel der, dass das Kind heute durch einen anderen Mitschüler verängstigt wurde und weinend nach Hause kam, kann den Vater dazu bringen, einen erneuten Bestellwunsch der Oma ‚hinten anzustellen‘

Situationen wie diese finden täglich dutzendfach statt. Wer dabei seine Werte nicht kennt oder unreflektiert nur glaubt sie zu kennen, der läuft unweigerlich Gefahr, in die Beliebigkeit zu rutschen. Einen solchen Menschen wert-zu-schätzen, fällt zwangsläufig schwer.

Dass die Bedeutung des eigenen Wertebewusstseins bei immer weiter wachsender Komplexität wohl der einzige Weg dafür ist, den ‚roten Lebensfaden‘ nicht aus der Hand rutschen zu lassen, ist aus meiner Sicht heute ein Faktum.

 

 

Warum überhaupt Sinn? – 1

Die Frage nach dem persönlichen Sinn im Leben hat sich in den vergangenen Jahren stark spürbar erhöht. In gleicher Weise die Sinnangebote und -versprechungen derer, die meinen, auf einen lukrativen Zug aufspringen zu können.

Die ganz überwiegende Anzahl dieser Angebote verfehlen, was sie versprechen, denn:
Sinn kann man einem Menschen nicht machen.

Sinnfragen sind menschliche Frage. Anders als ein Tier verlangt der Mensch danach, sein Leben zu verstehen und es als Person mit eigenen Werten formen zu können. Würden wir wie Tiere von unseren Trieben getrieben – wir wären an sie gebunden. Der Mensch und nur er jedoch kann sich von seinen Trieben distanzieren – sein Mittel dazu ist seine „Geistigkeit“ [Frankl].
Weil er sie hat, stellt er die Frage nach Sinn, will er wissen, wofür er da ist, wozu es gut ist, dass es ihn gibt, will einen Grund haben, um glücklich zu sein, will sein Leben nicht verfehlen.

Nun aber scheint es einen immer stärker werdenden Feind des Sinns zu geben. Die Komplexität. Komplexität erleben viele Menschen als ‚dichten Nebel der Antwortlosigkeit‘. Auf die Frage ‚was kann ich wissen‘ und auf der Suche nach Wissen, bekommen Menschen ‚Antworten mit Einschränkung‘. Nix genaues weiß man nicht, morgen kann es anders sein, wenn sich dies oder jenes zwischenzeitlich nicht ändert, ja – aber die Forschung geht natürlich weiter … – diese Antworten kann man also jederzeit wieder ‚los‘ werden.

Auch die Frage ‚was soll ich tun‘ bleibt oft vage im Halse stecken: Berufsentscheide, die Entscheidung für die richtige Partnerwahl, Geldanlage, Familiengründung, Bewerbung, auch die Wahl des geeigneten Therapeuten – wer die Frage ‚was soll ich tun‘ anderen Menschen stellt, erhält Rat, Empfehlung oder Achselzucken, allemal keine Gewähr, Garantie, Sicherheit.

Und auch die Frage ‚Was darf ich hoffen‘ geht in unserer Gesellschaft eher mehr als weniger in die Leere. Darf ich auf Gerechtigkeit hoffen, darauf in meine Sinne sterben zu dürfen, darf ich hoffen, in Würde zu altern, hoffen darauf, dass in der einstigen Hoffnungsinstanz Nr.1 vieler Menschen – der Kirche – Menschen künftig nicht mehr zu Schaden kommen?

Die Antworten auf diese drei Fragen sind wesentlich für die Bestimmung dessen, ‚was der Mensch ist‘. Erhält der Mensch 80% Antworten auf diese Fragen, dann wird er ein 80%-Mensch, erhält der 30% …. Und was ist mit dem Rest? Der wird entweder gefüllt mit Angeboten, die Sinn vorgaukelnd den Menschen abfüllen, ruhig stellen, verdummen …. – oder der Mensch geht in eine neue Phase der Aufklärung über. In die Phase der Selbstaufklärung, der Klärung des eigenen Wesens, der eigenen Werte, dessen, wozu man bestimmt ist. Das ist Arbeit und auf dem Weg zu dieser Klärung wird man womöglich schmerzlich entdecken, dass man ein gutes Stück des bisherigen Lebens in eigener ‚Verklärung‘ gelebt hat. In dieser Sorge, Angst, Selbstwertminderung, Selbstschuldzuweisung, Selbsthass oder anderen Empfindungen stecken zu bleiben oder gar sich wieder den Verlockungen der Sinnindustrie anzunehmen, bringt den Menschen nicht weiter auf dem Weg zu einem vor ihm liegenden gelingenden Leben, auf das jeder Mensch ein Recht hat, für das er aber frei und verantwortlich ist, es zu führen.

Sinnfindung kann als unlösbares Problem empfunden werden. Die Komplexität der Welt leistet dazu einen Beitrag. Der ‚Sinn der Komplexität‘ kann somit verstanden werden als die Frage des Lebens an jeden Einzelnen: „Wer bist Du, so dass Du im Einklang mit Dir stehend, Deinen Weg durch alle Komplexität hindurch gehen kannst.“

 

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 12

Nicht immer aber sind die individuellen Facetten des ‚Geistmutes‘ in Krisensituationen aktiv. Haben Menschen keine Krisenprävention betrieben, in der sie sich ‚Handlungsblaupausen‘ für den Umgang mit persönlichen Erschütterung erarbeitet haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Psyche die Oberhand gewinnt und der Mensch mit Abwehrmechanismen versucht, der Lage wieder Herr zu werden.

„In der Krise beweist sich der Charakter.“ Was Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt hier anspricht, kann aufgefasst werden als die Art und Weise, mit welchen Mitteln ein Mensch mit einem schweren Belastungsereignis umgeht. Frankl würde ergänzen: Er kann sich so oder so den Bedingungen stellen. Psychisch oder geistig.

Dem einen Sinn, den es in der Situation gibt, steht eine Vielzahl von psychischen Reaktionsweisen gegenüber. Die meisten davon sind nicht in der Lage, den Menschen hinzuführen in eine tragfähige Neuausrichtung auf ein gelingendes Leben nach der Krise. Aus psychoanalytischer Sicht gelten als ‚Mechanismen reifer Charaktere‘ die Sublimierung [die Veredelung der Belastungssituation hin zu einem höheren Gut] und die Situationskontrolle durch vorausschauendes Handeln. Das klingt vernünftig, bleibt jedoch meist dann wirkungslos, wenn der Betroffene als ‚höheres Gut‘ nur sich selbst sieht. Würde als Resümee einer Krisenbewältigung jemand nach dem Tod eines von ihm lange Zeit gepflegten alten Menschen den Satz sagen: „Sie haben Recht, nun habe ich wieder mehr Zeit, mich um mich zu kümmern, ich habe genug geopfert, nun bin ich nur noch dran“, dann wäre eine solche Haltung vielleicht ‚menschlich verständlich‘. Jedoch würde diese Haltung den Menschen hineinführen in die Verlockungen einer egozentrierten Selbstverwirklichung.

BIld Abwehr

 

Aus sinntheoretischer Sicht steht hingegen die Aktivierung des geistigen Potenzials des Menschen im Vordergrund. Natürlich wird auch auf die Wiedererlangung der Impulskontrolle, die Befähigung zur Selbstberuhigung, das Auffangen emotionaler Überschwemmung usw. in der Begleitung von Krisenbetroffenen am Anfang zum Beispiel eines therapeutischen Behandlungsprozesses Wert gelegt. Jedoch wird zeitnah auf die Wiedererlangung der Handlungsfähigkeit hingearbeitet unter dem Einfluss der Ausrichtung auf einen ‚trotz allem‘ gegebenen Sinn.

 

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 11 [Geistmut]

Welche Merkmale zeigen Menschen auf, die mit ihrem ‚Mut zum Geist‘ beabsichtigen, einen neuen übergeordneten Sinn in ihrem Leben zu finden. Diese Liste beschreibt Beobachtungen aus einer mittlerweile über 20 Jahren dauernden Arbeit mit Menschen in Krisensituationen.

  • Bereitschaft, der inneren Stimme zu folgen und bisherige Konventionen deutlicher zu hinterfragen
  • Wille, wenige wesentliche Beiträge zu leisten, statt auf vielen [vermeintlich] wichtigen Hochzeiten zu tanzen
  • Respektvolle Hinwendung und neugierige Zuwendung zu Menschen und deren Lebenskonzepten
  • Stärkung der eigenen Trennungskompetenz, sowohl in Bezug auf die eigenen psychischen Blockaden [Selbstdistanzierung] als auch auf das Umfeld von Personen und Themen, die ihrerseits die individuelle Sinnfindung kontaminieren
  • Verankerung des Selbstverständnisses, frei zur Verantwortung und verantwortlich für die Freiheit zu sein
  • Bereitschaft, Stellung zu beziehen, von innen heraus zu wollen und in jeder Situation das Beste zu geben
  • Ablage jeglicher aus populistischen oder opportunistischen Gründen vollzogenen Selbstdeformationen
  • Ritualisierung der Frage nach dem Wozu und Wofür
  • Gewahrwerden der bestehenden Ressourcen, des individuellen Freiraums und der Dankesmöglichkeiten
  • Kräftigung der Fähigkeit zu differenzieren zwischen der Wirkung der Sinnverwirklichung [z. B. Freude] und den Wirkungen der Selbstverwirklichung [z. B. Spaß]
  • Wiederentdeckung des Urvertrauens als Basis dafür, ‚trotzdem Ja sagen zu können‘
  • Träumen, Sehnsüchten, Wünschen eine kommunikative Kontur zu geben
  • Optimismus, mit neuen Einstellungen und Handlungsweisen zukünftige Situationen besser zu bestehen
  • Beständige Weiterentwicklung der Krisenkompetenz – Aufbau der Resilienz zur Überwindung künftiger Wertverlustsituationen im Kontext von Leid, Schuld und Tod oder – im Berufleben – von Trennung, Verfehlung und Verlust
  • Würdigung der biografischen Momente tiefer Sinnerfülltheit
  • Bereitschaft zur Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit
  • Bereitschaft zur Kommunikation mit anderen Menschen über die persönlichen ‚Sinnstrebungen‘
  • Akzeptanz, mit der individuellen Transzendierung nicht einem ‚Mainstream‘ anzugehören
  • Vorausschauendes Erspüren potenzieller Erschütterungen und Beantwortung der Frage: ‚Und was mache ich dann trotzdem?‘

Ganz allgemein lassen sich überdies Merkmale wahrnehmen, die auf einen ausgeprägten Geistmut hindeuten können [wir laden Sie gerne ein, diese fraglos unvollständige Übersicht aus ihrer eigenen
Menschenkenntnis heraus weiterzuführen]:

  • vermag stets etwas Schönes, Gutes, Wahres wahrzunehmen
  • genießt Kunst, Natur, Anmutiges eines Menschen und Liebenswertes
  • schafft stets etwas in die Welt und vermag seinen Selbstwert zu kommunizieren
  • erwidert Widrigkeiten mit Worten wie ‚trotzdem‘, ‚dennoch‘, ‚doch‘, …
  • zeigt auch in schwierigsten Situationen einen tiefen Glauben ans Gelingende
  • erprobt sich in innerer Sammlung
  • zeigt sprachliche Klarheit in seinen Gedanken und in seinem Wertebezug
  • kann das ihm Wichtige von dem ihm Wesentlichen unterscheiden
  • sieht immer mehr ‚Freiraum‘ als Begrenzungen
  • äußert Sehnsüchte und Wünsche, die in ihrem Inhalt über ihn selbst hinausweisen
  • erhält sich eine Art ‚konstruktiver Naivität‘, die ihn befähigt, Dinge ‚einfach‘ zu beginnen
  • kann vermitteln, was ihn mit Freude erfüllt, wofür er dankbar ist, worum er sich ängstigt
  • merkt auf, wenn ihn seine innere Stimme zum Innehalten aufruft
  • verteidigt, woran sein Leben hängt
  • zeigt auf, wie er durch die Bewältigung von Krisensituationen gewachsen ist

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 10

Trotz einer womöglich intensiven Begleitung kann kein Therapeut garantieren, dass ein von einer Krise erschütterter Mensch die ‚Sinnbrücke‘ zügig überschreitet und damit wieder ‚ganz‘ zu sich kommt. Statt einer potenziellen Sinnverwirklichung steht dem Klienten dann zumindest der Zwischenschritt über die ‚Selbstverwirklichung‘ offen [im Sinne Maslows eine Vorstufe zur Sinnverwirklichung].

Wir verstehen unter Selbstverwirklichung einen psychischen Zustand, der für einen krisenbelasteten Menschen eine möglicherweise derart notwendige stabilisierende Funktion [zum Beispiel durch intensiven Sport, durch Urlaub, eine ‚aus Spaß‘ gebuchte Weiterbildung] ausübt, so dass auf dieser Stabilisierung aufbauend der Schritt zur Sinnfindung erst möglich wird.

Bildhaft gesprochen kann die Person im Zustand erreichter Selbstverwirklichung die Leiter zur Sinnbrücke später wieder heraufsteigen und den Weg hin zum Sinn vollenden.Das Risiko bei diesem Vorgehen liegt jedoch auch auf der Hand: Erliegt die Person den ‚Verlockungen‘ eines schnellen Erfolges, Spaßes oder Lustvollen, dann kann dies der Psyche die Oberhand verleihen und der Blick auf das Sinnerfüllende verloren gehen. Ein Beispiel hierzu wäre eine Person, deren Arbeitsplatz verloren geht und die ihr Heil im Besuch von Spielcasinos sucht. Zuerst als Ablenkung, später – nachdem sich sogar Gewinne einstellen – als neues Lebensmodell. Nachdem weitere Erfolge ausbleiben und zwischenzeitlich die Partnerschaft unter der latent entwickelten Spielsucht massiv gelitten hat, bricht das Leben der Person völlig zusammen.

Um Sinn zu finden und sich nicht von den unendlichen vermeintlich Sinnangeboten einnebeln zu lassen, die der Markt feilbietet, braucht der Mensch eine Mindestmaß dessen, was wir den ‚Mut zum Geist‘ nennen. Wir beschreiben die Merkmale des Geistmutes morgen und Sie können sich dann selbst einmal fragen, welche davon Sie entwickelt haben und warum.