Wenn der Mensch die Krise kriegt – 9

Eine stets wiederkehrende Definition von Sinn ist in der Sinntheorie Frankls nicht zu finden. Im Gegenteil, Sinn wird in Form verschiedener Sinn-‚Arten‘ verwendet: Als konkreter Sinn der Situation, als Gesamtsinn eines konkreten Lebens, als Sinn des Daseins und als letzter [Über-]Sinn.

Eben dieses umfassende Sinnverständnis macht es einerseits für Therapie und Coaching so befreiend und anknüpfungsfähig für die je individuelle Situation des Patienten oder Klienten. Andererseits verliert Sinn seine umgangssprachliche Beliebigkeit in dem Moment, in dem dem Klienten bewusst wird, dass der subjektive Sinn sich nicht aus Nützlichkeitsaspekten oder seiner praktischen Anwendung allein herleitet, sondern mit Übergeordnetem, Hochwürdigem und Gewissenhaftem im Einklang stehen muss.

So offen der Sinnbegriff auch verwendet wird – beliebig ist er allemal nicht, und schon gar nicht gleichzusetzen mit ‚Zweck‘, ‚Ziel‘ oder ‚Gedanke‘.

Frankl schrieb 1946, Sinn ist der eigentliche und tiefste Beweggrund eines Menschen, zu handeln. Dieser Urgrund menschlichen Strebens und die in Frankls Satz ausgedrückte explizite ‚Nicht-Bestimmung‘ des Sinn-Begriffs könnte nun Menschen förmlich dazu verleiten, als ihren individuellen ‚Beweggrund‘ von ihnen erhoffte Gefühle, Motive oder Ziele  wie Glück, Erfolg, Macht oder Lust zu nennen. Hier jedoch wird Frankl sehr deutlich, wenn er sagt:

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=F7GwzAJPARg
Aus der Perspektive eines krisenbelasteten Menschen steht die Frage im Vordergrund: Wie finde ich Sinn? Um diese Frage in einer Prozesskette vom ‚Willen zum Sinn‘ bis zur ‚Sinnverwirklichung‘ zu verankern, wird nun der Sinnfindungsprozess genauer zerlegt und erklärt.

Unser Prozessmodell besteht darin, dass die Person,
– die zum Beispiel durch einen schweren Verlust, eine persönliche Verfehlung oder eine
schmerzliche Trennung in einen Zustand des Krisenempfindens gekommen ist und als
– sinnstrebiges Wesen …
… über die Prozessschritte der Selbsterkenntnis und Selbstdistanzierung
… unter Begleitung eines sinnzentriert arbeitenden Beraters oder Therapeuten
… den Gang über die Sinnbrücke beginnt, der …
… in den Zustand der Sinnfindung mündet*,
– in dem für die Person die Wahl zwischen drei Selbsttranszendierungsoptionen besteht,
– mit jeweils der Konsequenz der individuellen Sinnverwirklichung,
– deren Wirkung als Erfüllung, Freude oder Glück empfunden wird.

Krisenpraxis - Sinnbrücke

* Oder, wenn dies [noch] nicht gelingt, der Mensch einen Prozess in Richtung Selbstverwirk-lichung anstößt und er – um im Bild zu bleiben – eine Leiter an die Sinnbrücke anlehnt und diese vor Erreichen der Sinnfindung herabsteigt, um in den Prozess der Selbstverwirklichung zu münden.