Warum überhaupt Sinn? – 1

Die Frage nach dem persönlichen Sinn im Leben hat sich in den vergangenen Jahren stark spürbar erhöht. In gleicher Weise die Sinnangebote und -versprechungen derer, die meinen, auf einen lukrativen Zug aufspringen zu können.

Die ganz überwiegende Anzahl dieser Angebote verfehlen, was sie versprechen, denn:
Sinn kann man einem Menschen nicht machen.

Sinnfragen sind menschliche Frage. Anders als ein Tier verlangt der Mensch danach, sein Leben zu verstehen und es als Person mit eigenen Werten formen zu können. Würden wir wie Tiere von unseren Trieben getrieben – wir wären an sie gebunden. Der Mensch und nur er jedoch kann sich von seinen Trieben distanzieren – sein Mittel dazu ist seine „Geistigkeit“ [Frankl].
Weil er sie hat, stellt er die Frage nach Sinn, will er wissen, wofür er da ist, wozu es gut ist, dass es ihn gibt, will einen Grund haben, um glücklich zu sein, will sein Leben nicht verfehlen.

Nun aber scheint es einen immer stärker werdenden Feind des Sinns zu geben. Die Komplexität. Komplexität erleben viele Menschen als ‚dichten Nebel der Antwortlosigkeit‘. Auf die Frage ‚was kann ich wissen‘ und auf der Suche nach Wissen, bekommen Menschen ‚Antworten mit Einschränkung‘. Nix genaues weiß man nicht, morgen kann es anders sein, wenn sich dies oder jenes zwischenzeitlich nicht ändert, ja – aber die Forschung geht natürlich weiter … – diese Antworten kann man also jederzeit wieder ‚los‘ werden.

Auch die Frage ‚was soll ich tun‘ bleibt oft vage im Halse stecken: Berufsentscheide, die Entscheidung für die richtige Partnerwahl, Geldanlage, Familiengründung, Bewerbung, auch die Wahl des geeigneten Therapeuten – wer die Frage ‚was soll ich tun‘ anderen Menschen stellt, erhält Rat, Empfehlung oder Achselzucken, allemal keine Gewähr, Garantie, Sicherheit.

Und auch die Frage ‚Was darf ich hoffen‘ geht in unserer Gesellschaft eher mehr als weniger in die Leere. Darf ich auf Gerechtigkeit hoffen, darauf in meine Sinne sterben zu dürfen, darf ich hoffen, in Würde zu altern, hoffen darauf, dass in der einstigen Hoffnungsinstanz Nr.1 vieler Menschen – der Kirche – Menschen künftig nicht mehr zu Schaden kommen?

Die Antworten auf diese drei Fragen sind wesentlich für die Bestimmung dessen, ‚was der Mensch ist‘. Erhält der Mensch 80% Antworten auf diese Fragen, dann wird er ein 80%-Mensch, erhält der 30% …. Und was ist mit dem Rest? Der wird entweder gefüllt mit Angeboten, die Sinn vorgaukelnd den Menschen abfüllen, ruhig stellen, verdummen …. – oder der Mensch geht in eine neue Phase der Aufklärung über. In die Phase der Selbstaufklärung, der Klärung des eigenen Wesens, der eigenen Werte, dessen, wozu man bestimmt ist. Das ist Arbeit und auf dem Weg zu dieser Klärung wird man womöglich schmerzlich entdecken, dass man ein gutes Stück des bisherigen Lebens in eigener ‚Verklärung‘ gelebt hat. In dieser Sorge, Angst, Selbstwertminderung, Selbstschuldzuweisung, Selbsthass oder anderen Empfindungen stecken zu bleiben oder gar sich wieder den Verlockungen der Sinnindustrie anzunehmen, bringt den Menschen nicht weiter auf dem Weg zu einem vor ihm liegenden gelingenden Leben, auf das jeder Mensch ein Recht hat, für das er aber frei und verantwortlich ist, es zu führen.

Sinnfindung kann als unlösbares Problem empfunden werden. Die Komplexität der Welt leistet dazu einen Beitrag. Der ‚Sinn der Komplexität‘ kann somit verstanden werden als die Frage des Lebens an jeden Einzelnen: „Wer bist Du, so dass Du im Einklang mit Dir stehend, Deinen Weg durch alle Komplexität hindurch gehen kannst.“