Warum überhaupt Sinn? – 2

Echte und getarnte Sinnfragen können sich dem Menschen täglich stellen. Die vielen kleinen Fragen, die sich dem Menschen stellen, zum Beispiel, ob er die kranke Mutter in der Klinik besucht oder doch eine Projektaufgabe im Unternehmen zum Abschluss bringt; ob er einen Preisvergleich von Arzneimitteln im Internet vornimmt oder die dafür eingeplante Zeit dafür verwendet  mit dem Kind Federball zu spielen; ob er sich bei diesem Unternehmen bewerben soll; ob er eine Fastenkur einlegen soll …. – die meisten dieser Fragen werden nicht derart beantwortet, ob dies oder das sinnvoll ist, sondern meist so, ob es zweckdienlich ist, dies oder das zu machen. So kann ein günstiger Arzneimittelkauf dem Zweck dienen, das Haushaltsbudget zu schonen; mit dem Kind Federball zu spielen, kann dem Zweck dienen, das Bild eines ‚guten Vaters‘ abzugeben..

Aber ist Zweckdienlichkeit auch Sinnhaftigkeit? Zwecke tarnen sich oft als Sinn – ein Umstand, der sich lohnt, immer wieder neu reflektiert zu werden. Geschieht dies bewusst, dann mischen sich die Werte eines Menschen ein. Hat die Oma angerufen und fragt ihren Enkel, ob er wohl für sie einige Medikamente im Internet kaufen könne, weil diese dort ja günstiger seien, dann kann der Enkel dies dem Spiel mit dem Kind vorziehen, wenn er zum Beispiel die Liebe zur Oma, die Unterstützung alter Menschen, und die Pflicht, einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Lebensqualität der Oma erhalten bleibt, in dieser Situation höher einschätzt als zum Beispiel die Liebe zum Kind, den Ansporn zum gemeinsamen Spiel und die Zuwendung, die einen Beitrag dafür leisten würde, die Beziehung zum Kind positiv zu gestalten.

Sinnhafter wird, was denjenigen Werten entspricht, mit deren Verwirklichung ein Mensch in einer Situation eher im Einklang steht als durch die Verwirklichung anderer. Dabei kann eine derartige wertebewusste Entscheidung beim Gegenüber – hier dem Kind – zu einem Gefühl der Ab-Wertung führen. Einzig eine reflektierte Wertekommunikation kann hier zu einem Verstehen der Entscheidung beim anderen Menschen führen. Geschieht dies nicht, bleibt Orientierungslosigkeit zurück und – hier das Kind – fragt sich dann womöglich ‚hat mich mein Papa nicht mehr lieb? o.a.‘

Da sich in jeder neuen Situation wieder ein neuer Bezugsrahmen für einen Menschen ergeben kann, gilt es, den Werteabgleich jederzeit aufs Neue vorzunehmen. Nur ein kleiner Unterschied, zum Beispiel der, dass das Kind heute durch einen anderen Mitschüler verängstigt wurde und weinend nach Hause kam, kann den Vater dazu bringen, einen erneuten Bestellwunsch der Oma ‚hinten anzustellen‘

Situationen wie diese finden täglich dutzendfach statt. Wer dabei seine Werte nicht kennt oder unreflektiert nur glaubt sie zu kennen, der läuft unweigerlich Gefahr, in die Beliebigkeit zu rutschen. Einen solchen Menschen wert-zu-schätzen, fällt zwangsläufig schwer.

Dass die Bedeutung des eigenen Wertebewusstseins bei immer weiter wachsender Komplexität wohl der einzige Weg dafür ist, den ‚roten Lebensfaden‘ nicht aus der Hand rutschen zu lassen, ist aus meiner Sicht heute ein Faktum.