Warum überhaupt Sinn? – 4

„Wie geht es Ihnen?“
„Ich bin zufrieden.“
„Wofür?“

Ist der Quotient aus Erwartetem und Erreichtem für einen Menschen dauerhaft negativ, dann empfindet er seine Welt so, als würde sie ihm aus der Hand gleiten, wegschmelzen. Blickt der Mensch dann in die Zukunft, erscheint sie ihm mehr denn je als unkontrollierbar, als fragil, als sinnleer.

In der Tat: Die Komplexität nimmt zu, die Länge des Lebens nimmt gesamtgesellschaftlich zu, die Risiken nehmen zu, die Rezepte zur Lebensgestaltung auch. Wo bleibt die persönliche Ortung und Ordnung, wo das Gefühl der Genug-Tuung? Was ist bleibend, was hat für mich Substanz?

Zufrieden zu sein, im Einklang mit sich zu leben, das sind starke Aussagen. Wer sie reflektiert äußert, der führt offenkundig ein gelingendes Leben.

Reflexivität meint in diesem Zusammenhang auch, Sinnlosigkeitsgefühlen entgegenzuwirken, die sich im Leben auch dann einnisten können, wenn wichtige Säulen wie familiäre Stabilität, beruflicher Erfolg, gesundheitliche Unbeschwertheit, materielle Sicherheit, erfreuender Bekanntenkreis u.a.  gut entwickelt sind.

Wir erleben in unserer Praxis öfter Menschen, die ‚an sich nicht klagen können‘, bei denen aber doch das dumpfe Gefühl hochkommt, der persönliche Einsatz für dies oder das könnte Gefahr laufen, in die Leere zu führen. Wenn man eine schleichende Unzufriedenheit wie eine Erkältung kommen sieht, weil zwar alles ‚in bester Ordnung‘ ist, nur die Person nicht mehr weiß, wozu die Ordnung gut ist.

Ein gelingendes Leben zu führen ist kein Zustand, der einmal erreicht, auf ewig garantiert ist. Damit Leben gelingt, braucht es immer wieder den bewussten Abgleich der persönlichen Werte mit den – sich gegebenenfalls langsam sich verändernden – Bedingungen.

Vielleicht ist vergleichbar mit einer Partnerschaft, in der sich beide gut fühlen, aber immer wieder etwas für die Partnerschaft tun müssen, damit sie weiterhin erfreuend gelingt.

„Der Mensch braucht eine dosierte Spannung, die er erfährt durch die Anforderung von einer Aufgabe her, deren Erfüllung einzig und allein diesem einen Menschen vorbehalten, abverlangt und aufgetragen ist. Solche Spannung ist nicht psychisch gesundheitsschädlich, sondern fördert seelisches Gesund-Sein. [Frankl, gekürzt]