Wenn der Mensch die Krise kriegt – 10

Trotz einer womöglich intensiven Begleitung kann kein Therapeut garantieren, dass ein von einer Krise erschütterter Mensch die ‚Sinnbrücke‘ zügig überschreitet und damit wieder ‚ganz‘ zu sich kommt. Statt einer potenziellen Sinnverwirklichung steht dem Klienten dann zumindest der Zwischenschritt über die ‚Selbstverwirklichung‘ offen [im Sinne Maslows eine Vorstufe zur Sinnverwirklichung].

Wir verstehen unter Selbstverwirklichung einen psychischen Zustand, der für einen krisenbelasteten Menschen eine möglicherweise derart notwendige stabilisierende Funktion [zum Beispiel durch intensiven Sport, durch Urlaub, eine ‚aus Spaß‘ gebuchte Weiterbildung] ausübt, so dass auf dieser Stabilisierung aufbauend der Schritt zur Sinnfindung erst möglich wird.

Bildhaft gesprochen kann die Person im Zustand erreichter Selbstverwirklichung die Leiter zur Sinnbrücke später wieder heraufsteigen und den Weg hin zum Sinn vollenden.Das Risiko bei diesem Vorgehen liegt jedoch auch auf der Hand: Erliegt die Person den ‚Verlockungen‘ eines schnellen Erfolges, Spaßes oder Lustvollen, dann kann dies der Psyche die Oberhand verleihen und der Blick auf das Sinnerfüllende verloren gehen. Ein Beispiel hierzu wäre eine Person, deren Arbeitsplatz verloren geht und die ihr Heil im Besuch von Spielcasinos sucht. Zuerst als Ablenkung, später – nachdem sich sogar Gewinne einstellen – als neues Lebensmodell. Nachdem weitere Erfolge ausbleiben und zwischenzeitlich die Partnerschaft unter der latent entwickelten Spielsucht massiv gelitten hat, bricht das Leben der Person völlig zusammen.

Um Sinn zu finden und sich nicht von den unendlichen vermeintlich Sinnangeboten einnebeln zu lassen, die der Markt feilbietet, braucht der Mensch eine Mindestmaß dessen, was wir den ‚Mut zum Geist‘ nennen. Wir beschreiben die Merkmale des Geistmutes morgen und Sie können sich dann selbst einmal fragen, welche davon Sie entwickelt haben und warum.