Wenn der Mensch die Krise kriegt – 11 [Geistmut]

Welche Merkmale zeigen Menschen auf, die mit ihrem ‚Mut zum Geist‘ beabsichtigen, einen neuen übergeordneten Sinn in ihrem Leben zu finden. Diese Liste beschreibt Beobachtungen aus einer mittlerweile über 20 Jahren dauernden Arbeit mit Menschen in Krisensituationen.

  • Bereitschaft, der inneren Stimme zu folgen und bisherige Konventionen deutlicher zu hinterfragen
  • Wille, wenige wesentliche Beiträge zu leisten, statt auf vielen [vermeintlich] wichtigen Hochzeiten zu tanzen
  • Respektvolle Hinwendung und neugierige Zuwendung zu Menschen und deren Lebenskonzepten
  • Stärkung der eigenen Trennungskompetenz, sowohl in Bezug auf die eigenen psychischen Blockaden [Selbstdistanzierung] als auch auf das Umfeld von Personen und Themen, die ihrerseits die individuelle Sinnfindung kontaminieren
  • Verankerung des Selbstverständnisses, frei zur Verantwortung und verantwortlich für die Freiheit zu sein
  • Bereitschaft, Stellung zu beziehen, von innen heraus zu wollen und in jeder Situation das Beste zu geben
  • Ablage jeglicher aus populistischen oder opportunistischen Gründen vollzogenen Selbstdeformationen
  • Ritualisierung der Frage nach dem Wozu und Wofür
  • Gewahrwerden der bestehenden Ressourcen, des individuellen Freiraums und der Dankesmöglichkeiten
  • Kräftigung der Fähigkeit zu differenzieren zwischen der Wirkung der Sinnverwirklichung [z. B. Freude] und den Wirkungen der Selbstverwirklichung [z. B. Spaß]
  • Wiederentdeckung des Urvertrauens als Basis dafür, ‚trotzdem Ja sagen zu können‘
  • Träumen, Sehnsüchten, Wünschen eine kommunikative Kontur zu geben
  • Optimismus, mit neuen Einstellungen und Handlungsweisen zukünftige Situationen besser zu bestehen
  • Beständige Weiterentwicklung der Krisenkompetenz – Aufbau der Resilienz zur Überwindung künftiger Wertverlustsituationen im Kontext von Leid, Schuld und Tod oder – im Berufleben – von Trennung, Verfehlung und Verlust
  • Würdigung der biografischen Momente tiefer Sinnerfülltheit
  • Bereitschaft zur Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit
  • Bereitschaft zur Kommunikation mit anderen Menschen über die persönlichen ‚Sinnstrebungen‘
  • Akzeptanz, mit der individuellen Transzendierung nicht einem ‚Mainstream‘ anzugehören
  • Vorausschauendes Erspüren potenzieller Erschütterungen und Beantwortung der Frage: ‚Und was mache ich dann trotzdem?‘

Ganz allgemein lassen sich überdies Merkmale wahrnehmen, die auf einen ausgeprägten Geistmut hindeuten können [wir laden Sie gerne ein, diese fraglos unvollständige Übersicht aus ihrer eigenen
Menschenkenntnis heraus weiterzuführen]:

  • vermag stets etwas Schönes, Gutes, Wahres wahrzunehmen
  • genießt Kunst, Natur, Anmutiges eines Menschen und Liebenswertes
  • schafft stets etwas in die Welt und vermag seinen Selbstwert zu kommunizieren
  • erwidert Widrigkeiten mit Worten wie ‚trotzdem‘, ‚dennoch‘, ‚doch‘, …
  • zeigt auch in schwierigsten Situationen einen tiefen Glauben ans Gelingende
  • erprobt sich in innerer Sammlung
  • zeigt sprachliche Klarheit in seinen Gedanken und in seinem Wertebezug
  • kann das ihm Wichtige von dem ihm Wesentlichen unterscheiden
  • sieht immer mehr ‚Freiraum‘ als Begrenzungen
  • äußert Sehnsüchte und Wünsche, die in ihrem Inhalt über ihn selbst hinausweisen
  • erhält sich eine Art ‚konstruktiver Naivität‘, die ihn befähigt, Dinge ‚einfach‘ zu beginnen
  • kann vermitteln, was ihn mit Freude erfüllt, wofür er dankbar ist, worum er sich ängstigt
  • merkt auf, wenn ihn seine innere Stimme zum Innehalten aufruft
  • verteidigt, woran sein Leben hängt
  • zeigt auf, wie er durch die Bewältigung von Krisensituationen gewachsen ist