Wenn der Mensch die Krise kriegt – 4

„Was wir wollen, was wir brauchen,
ist nicht nur das Geld, von dem wir
leben können, sondern in erster
Linie etwas, für das wir leben
können – etwas, was unserem
Leben Sinn gibt! Es gibt also
nicht nur einen Hunger nach Brot,
sondern auch einen Hunger nach
Sinn! Die Sinnorientierung ist
nicht nur lebenswichtig, sondern
überlebenswichtig! In jedem
Menschen steckt das alte und ewige
metaphysische Bedürfnis, sich
Rechenschaft abzulegen über den
Sinn des Daseins.”
Viktor E. Frankl

Selbstdistanzierung ist also ein zentraler Schlüssel, den Logotherapeuten in der Hand haben, um Menschen in schweren Lebenslagen eine Unterstützung zu geben, Abstand zu halten von dem, was Sinnfindung erschwert. ‚Anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen‘ – dieser Ansatz verleitet aber möglicherweise dazu, einem Menschen wohlgemeinte Sinnangebote zu unterbreiten.

Sinnzentriert ausgerichtete Therapeuten, Coachs, Berater, Führungskräfte, Eltern u. a. werden ihrem jeweiligen Gegenüber bestrebt sein, Orientierung zu geben, ohne dabei jedoch inhaltliche Vorgaben für einen Lebens-, Arbeits-, Handlungssinn o. Ä. zu machen.

Denn: Sinn kann nicht gemacht oder erfunden, sondern er muss gefunden werden. Als individuelle, subjektive, situative Größe entzieht er sich der Objektivität. Dies klingt im ersten Moment nach Beliebigkeit und Unverbindlichkeit. Wenn zudem der Frankl‘sche Auftrag klar formuliert wird: ‚Finde den Sinn‘, dann besagt dies gleichermaßen: ‚Es gibt Sinn.‘

Oftmals empfinden Menschen diesen Gedankengang als irritierend, manche klagen sich dann an, warum es ihnen nicht gelingt, den Sinn zu finden, wieder andere versuchen zu belegen, dass es ihn
nicht geben kann, schließlich habe man doch alles Erdenkliche bereits versucht. Bisweilen klingt dann die Vermutung durch, Sinn sei so etwas wie eine tief verborgene, goldene Ressource, die ihren ‚Ort‘ wie ein großes Geheimnis bewahrt. Ein ebenfalls häufig formulierter Gedanke besteht darin, dass die Frage nach dem Sinn nur dann gestellt werden müsste, wenn man wähnt, ihn verloren zu haben. Dies wiederum lässt vermuten, dass diese Menschen annehmen, sich zuvor im Klaren über den Sinn in ihrem Leben gewesen zu sein. In einer feineren Differenzierung dazu wird dann gelegentlich die Meinung geäußert, im Leben hätte es bislang immer Ziele gegeben, und dies sei doch wohl ein untrügliches Anzeichen für Sinn. Ist die aktuelle Situation nun aber geprägt durch Kraftlosigkeit, eigene Ziele zu formulieren [zum Beispiel Zustände nach Arbeitsplatzverlust] oder durch das Setzen von Zielen durch Dritte [zum Beispiel Therapieziele von Ärzten bei langwierigen Erkrankungen], dann wäre doch klar: Wo kein eigenes Ziel, da kein Sinn.