Wenn der Mensch die Krise kriegt – 7

These 7: Sinn steht immer in einer Verbindung zu einer einzigartigen
Person mit einem Willen zum Sinn, die in einer einzigartigen Situation
[zum Beispiel einer Krise] steht. Sinn findet die Person nach vollzogener
Selbstdistanzierung und einem Gang über die ‚Sinnbrücke‘ [siehe hierzu
die Beiträge in der KrisenPraxis unter diesem Stichwort].
Relevant hierbei ist, mit welcher Haltung und in welcher Einstellung die
Person über die Brücke schreitet, mit welchem ‚Mut zum Geist‘ [auch
hierzu finden sich weitere Beiträge in der KrisenPraxis] die Person
sie überquert. Die Einstellungen und Haltungen der Person werden
geprägt durch ein Wertesystem, das die Person hat. Werte werden
so im Sinne Frankls zu ‚Sinn-Universalien‘, das heißt, durch ihre
Verwirklichung wird es einem Menschen ermöglicht, Sinn in einer
Situation zu finden.

These 8: Jeder Mensch besitzt ein ihm eigenes Wertesystem. Die
situative Verwirklichung von Werten aus diesem System führt
zu einem einmaligen Prozess der Sinnfindung, zum ‚Eigensinn‘.
Dieser Eigensinn entsteht durch eine tiefe, individuelle, innere
‚Sinninstanz‘, die stets neu entscheidet, in welcher Haltung und
Einstellung eine Person über die situative Sinnbrücke geht. Diese
Sinninstanz, die Frankl sogar als ‚Sinn-Organ‘ bezeichnet, ist das
‚Gewissen‘. Gewissensbildung bedient sich dabei zweier Quellen –
zum einen aus akzeptierten, verinnerlichten Projektionen, zum Beispiel
in Form von Sollensbotschaften, die in Prozessen der Erziehung,
Sozialisation und Lernkontexten wie Moral und Sitte, Recht, Religion,
politische ‚Gesinnung‘, Führungsprinzipien u. a. vermittelt werden.
Zum anderen durch die Reflexion zutiefst persönlicher und eigenständiger
Lebenserfahrungen, beispielsweise im Kontext erlebter Krisen.