Wenn es an Wissen über die eigene Bewusstheit mangelt

Wenn ein Mensch sich äußert wie: ‚Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas geschehen kann’; ‚Ich habe mir nie vorstellen können, dass …’; ‚Das alles kommt mir so fremd vor’ …, so können wir in diesen Aussagen eine innerpsychische Ursache dafür entdecken, dass ein fraglos den ganzen Menschen forderndes Ereignis in der Lage war, sich derart zu einem Krisenfall zu entwickeln, aus dem der Klient nun meint, nicht mehr entrinnen zu können.

Eine Ursache, die wir als Missverhältnis bezeichnen zwischen den von der betroffenen Person  lebensgeschichtlich entwickelten Schemata im Denken und Fühlen und dem Kernthema der Krise [Trennung, Verlust, Veränderung, Konflikt, Verfehlung, …], für die sich die Schemata als kontraproduktiv oder zumindest nicht passend für einen Lösungsweg herausstellen. Kurz, einem Missverhältnis in Form einer für die Situation unzureichend entwickelten Bewusstheit.

Missverhältnisse können durch Nichtwissen oder Nichtwissen fördernde Bedingungen begünstigt werden. Wer beispielsweise eine Trennung noch nicht erlebt hat oder in einem Umfeld lebte, in dem verschiedene Formen der Konflikthandhabung nicht vermittelt wurden, wird in Situationen, die mit diesem Wissen verbundene Denkweisen erfordern, ein höheres Risiko für ein Missverhältnis haben. Erkennt man dann, dass sich andere Menschen in einer solchen Situation ‚irgendwie’ leichter tun, so erfährt man persönlich eine Eskalation in einem ja offenbar handhabbaren Lebensproblem – eine meist zusätzlich unerfreuliche Erfahrung.

Eine nicht ausreichend entwickelte Bewusstheit kann als ‚Krise an sich [selbst]’ interpretiert werden – erst tritt die ohnehin schon gravierende Belastungssituation ein und dann erkennt man unverhofft und unerwartet, dass man ihr nicht so gewachsen ist, wie andere Menschen es unter Beweis gestellt haben oder wie es andere Menschen von einem selbst vermuten würden.

Die Hypothese des Bewusstheitsdefizits als einem nicht zu vernachlässigenden Aspekt der Ursachen für Krisensituationen lehnt sich an das Denken von Teilhard de Chardin an, das geprägt ist durch seine unmittelbaren Erlebnisse von Grenzsituationen als Sanitätssoldat während des 1. Weltkriegs.

Teilhard erfuhr als Soldat hundertfach, zu welchem bis zu voller Selbsttäuschung gehenden Verhalten Menschen in solcher Lage fähig sind und machte als wesentliche  ‚Fesselungen‘ des Menschen aus:
– nicht bewusst gemachte Bindungen an Gewohnheiten,
– basale Genüsse und Zerstreuungen,
– das Verharren in irrationalen Getriebenheiten und Ängsten, in intellektuellen Wirrnissen und im Hang zu neurotischen Regressionen.

In seinen Berichten konstatiert er letztlich, die Menschen befänden sich in einem Zustand vergleichbar mit dem der Pubertät, in einem Zustand, der sich über die Richtung seiner Getriebenheiten noch nicht im Klaren ist.

Diese Metapher ist nicht ohne Reiz. Die Pubertät als eine für jeden jungen Menschen erwartbare ‚Lebens-Lauf-Krise’, die – einmal in Bewusstheit überwunden – hin zur Reifung führt, vermittelt ein tiefes positives Bild einer großen ‚vor-liegenden’ Chance. Einer Chance in Form eines krisenhaft ausgelösten Aufbruchs zu neuer Ich-Stabilität, die diametral zu der Interpretation von ‚Krise’ als Verlust individueller Entfaltungsmöglichkeiten steht. Diese unbewusste [Fehl-]Interpretation von ‚Krise als Verlust’ scheint der ‚erwachsene’ Mensch – folgt man Teilhard – bestrebt zu sein, sich mit Irrungen und Wirrungen erträglicher gestalten zu wollen. Mit der Konsequenz, dass er sich dabei den Weg in die Bewusstheit seiner Möglichkeiten, Ressourcen und Potenziale selbst verbaut.