Narzissten und ihre Krisen

Menschen mit narzisstischen Anlagen streben – bei entsprechender Qualifizierung – schneller nach Führungsverantwortung, und sie erhalten sie auch. Eine psychologische Erklärung findet sich darin, dass Narzissten oftmals Demütigungserlebnisse als Kind oder Jugendliche zu verarbeiten hatten. Hieraus entwickelten sie das  ‚Überlebensmuster‘ ‚Macht wollen‘. Hat er Macht, kann ihn niemand mehr ‚aufs Knie legen‘, ‚ihn vor anderen bloßstellen‘, ‚ihn für dumm halten‘ usw. So gesehen haben Narzissten eine anstrengende Zeit erlebt und gemeistert. Wer will ihnen verübeln, dass sie nach Ausgleich trachten?

Ein gesundes Maß an Narzissmus ist für eine Führungsrolle wohl ebenso in Ordnung wie ein gesundes Maß an Angst für einen Fahrlehrer. Repräsentative Aufgaben in der Führung verlangen nach einem starken Stück Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein. Schwierig wird es nur – vor allem für sein Umfeld – wenn der Narzisst  in Grandiosität oder Selbstherrlichkeit verfällt. Dann verfällt er in einen Modus, der andere Menschen davon abhält, es mit ihm aufnehmen zu wollen oder ihm wichtige, wenn auch unangenehme Informationen vorenthält, meist aus Angst, von ihm abgebügelt zu werden. Narzissten dieser Couleur zeigen sich lebensgierig, arrogant und streben nach Aufmerksamkeit. Die Krise naht, wenn eine Krankheit sie ausknockt oder sich zum Beispiel Freunde von ihm abwenden, Neue zu finden ist ohnehin schwierig für sie und wenn sie eines Tages merken, dass ihre Selbstverliebtheit sie hat einsam werden lassen. In zunehmenden Lebensalter und der langsam wachsenden Erkenntnis, dass manches ohne stabiles Sozialsystem nur schwerlich zu gestalten ist, fällt ihr ihr einstiges Verhalten vor die Füße.

Es geht aber auch anders. Zum Beispiel so, dass der Narzisst sich anfangs äußerst zugewandt, eloquent, charmant und sympathisch zeigt und so seine Beziehungen gestaltet. Dies geht einige Male gut, mal fünfmal, mal achtmal – dann aber zeigt er seine narzisstische Seite umso stärker. Gerne schmücken sich solche Personen mit Experten oder Prominenten oder engagieren sich in intellektuell anspruchsvollen Themenfelder, die sie aber alle ebenso schnell wieder fallen lassen, wenn sie meinen, dass diese ihre Erwartungen nicht mehr erfüllen oder weniger ihrem Ego dienen als vermutet. Meist merken sie dabei nicht, dass ihre Gesprächspartner längst erkannt haben, wie der Narzisst ‚drauf‘ ist und diese würden und könnten ihm dies meist auch spiegeln, bekämen sie dafür ein Mandat. Dies aber bleibt freilich aus, und so läuft der Narzisst ein erhebliches Risiko, sich in Situationen zu katapultieren, in der er irgendwann mit einer Person konfrontiert wird, die in der Lage ist, ihm seine Grenzen deutlich aufzuzeigen – mit den dann bekannten psychischen Reaktionsmustern.

Wieder anders zeigt sich der wachsame Narzisst. Er passt auf, dass ihn niemand kränken und beschämen kann und diese Vorsicht macht ihn zu einem schwierigen Zeitgenossen, weil er sich mit seiner ausgefahrenen Selbstschutz-Antenne gehörig unter Stress setzt. Wenn seine Gesprächspartner Pech haben und in einer ihm unpassenden Weise zu ihm sprechen, dann kann es ganz schnell gehen mit dem Beziehungsabbruch.

Starke Persönlichkeiten werden von vornherein ein professionell-distanziertes Verhältnis zu ihm wahren, nur dosiert dem Narzissten von sich preisgeben und ihm bestenfalls etwas an für ihn wichtiger Bewunderung zollen. Liebe und Freude bleiben ihm oftmals versagt, seine Flucht lautet dann meist ‚Spaß‘ – für aufmerksame Menschen, die ihn kennen, ist dies dann oft der konkrete Hinweis, dass er vor seiner innere Leere Reißaus nimmt.

Hilfe kann sich der Narzisst holen, wenn er bereit ist, seinen ‚Demütigungserlebnissen‘ auf die Spur zu kommen, um die damals gemachten Erfahrungen zu integrieren und sich mit dem, was war zu versöhnen. Macht er diesen Schritt, dann gewinnt ein Coach oder Therapeut in ihm einen reflexiven Gesprächspartner, der – logotherapeutisch gesprochen – den Willen zum Sinn mitbringt. Ein derart gestalteter Arbeitsprozess verhilft der Person dann zu einer Erweiterung ihres Verhaltensrepertoires, zu Möglichkeiten verbesserter Impulskontrolle und letztlich auch zu einem erfreuenden Beziehungsmanagement.