Archiv für den Monat: September 2014

Verzweiflung entsteht nur, wenn der Mensch „nicht zulassen will, dass das, was er verloren hat, eben nur „Platzhalter“ war für das jeweils Höherwertige oder gar für den Höchstwert, für die absolute Wertperson“ [Frankl]

Werteverlust – und die rechtzeitige Entwicklung einer ‚Zweitreaktion‘

Menschen, die sich nach schweren Verlustsituationen ‚im Griff behalten wollen‘, werden in ihrem Leben Strategien zur Selbstberuhigung entwickelt haben, die wir in unserer Sprache ‚Zweitreaktionen‘ nennen. Während sich in der Erstreaktion bei einer eintretenden Verlust-Krise die Emotionen Bahn schaffen, zeigt die betroffene Person dann eine Zweitreaktion, wenn sie wieder in der Lage ist, ihre geistigen Steuerungskräfte einzusetzen und sich damit nicht auf ihre Triebe, Affekte und Kognitionen reduziert.

Menschen in der Zweitreaktion zeigen – bei allem Verlustbewusstsein – Nachsicht, Toleranz, Verständnis, die Fähigkeit zur Relativierung, die Ausrichtung auf das jetzt ’noch wichtigere‘, Versöhnungsbereitschaft usw.. Der Weg von der Erst- zur Zweitreaktion ist dabei individuell unterschiedlich lang. Kommt der Mensch in eine Krise und verharrt er in seinen Erstreaktionen, wird ihm sein Umfeld mit seinen Reaktionen versuchen dabei Grenzen aufzuzeigen. Gelingt dies nicht so, so dass Zweitreaktionen bewirkt werden, verstärkt dieser Einfluss die Erstreaktionen.

Spürt der Mensch jedoch, dass der Verbleib in psychischen Reaktionsweisen, wenig Aussicht auf Verbesserung des Lebens hat und zudem, dass es da etwas geben muss, was zu einem gelingenden Leben ‚trotz Verlustes‘ beitragen kann, dann ist offenkundig der ‚Wille zum Sinn‘ [Frankl] gegeben und eine sinnzentrierte Beratung hat gute Chancen auf Wirkung.

In gleichem Maße ist es Menschen möglich, sich ihre psychischen Reaktionsweisen präventiv vorzulegen und sich im Sinne von ‚Handlungs-Blaupausen‘ bessere Handlungen zu erarbeiten, die in der Lage sind, den Übergang von Erst- zu Zweitreaktionen zu beschleunigen. Ein Angebot, dies zu tun, wird im Winter 2015 unser Programm Life2Me® sein.

Grundsätzlich ist für den Sprung in die Zweitreaktion der Einsatz des Geistigen erforderlich. Die geistige Dimension des Menschen beschreibt seine Fähigkeit, quasi von sich selbst ‚aus guten Gründne‘ abzusehen und das Augenmerk auf das zu lenken, welche Aufgabe in der gegenwärtigen [Krisen-]Situation gewissenhaft und in Liebe oder Hingabe zu jemanden oder etwas, das man nicht selbst ist, zu erledigen ist.

Für ein gelingendes Leben, auf das jeder Mensch ein Recht hat, gibt es zu diesem, sich selbst überwindenden Vorgehen, keine Alternative. Verluste können nicht anders ‚umgemünzt‘ werden in einen menschlichen Triumph als über ihre Wandlung in einen individuellen Entwicklungsschritt des Loslassens, Beruhigens, Versöhnens. Kommt es dazu in einer therapeutischen Begleitung, braucht es Zeit und Geduld, da der Betroffenen oft in einer Phase kommt, in der seine Erstreaktionen bereits einen weiteren Raum in seinem Verhaltensrepertoire eingenommen haben.

Nimmt sich ein Mensch jedoch Zeit zur Krisenprävention, besteht gute Aussicht, diese Zeit derart zu verkürzen, so dass ein ‚Leben trotz Verlust‘ zeitnaher möglich wird.

 

Werteverlust – und das Erleben von Angst

Die erste Reaktion auf einen schweren Verlust ist Angst. Etwas war so stark, dass es einen Verlust hat bereiten können, etwas war stärker als das ‚Ich‘. Diese Bedrohung erzeugt Angst und damit einen Abwehrmechanismus [siehe hierzu auch andere Beiträge in der KrisenPraxis].

Menschen, die von einem existenziellen Verlust erfahren oder ihn direkt erleben, können entweder so damit umgehen, dass sie für Dritte beobachtbar eine Art ‚Totstellreflex“ zeigen und die Situation nur mit sich selbst verarbeiten – dies aufgrund der Stärke der mit dem Verlust einhergehenden Erschütterung jedoch nicht bewältigen können und in die ‚Hilflosigkeit‘ rutschen.

Oder aber sie werden mit ‚Aggressivität‘ erlebt, die Situation ist durch Verlust der Impulskontrolle gekennzeichnet und der Mensch zeigt offen Wut, Zorn, Rachegelüste oder tiefen Groll.
Wieder anderem Menschen wechseln zwischen diesen Polen hin und her.

Welche dieser Reaktionsformen auch erlebt wird, sie sind normal in einer unnormalen Situation. Einzig die Dauer der Reaktionsweise gilt es im Auge zu behalten. Manifestiert sich jedoch ein Abwehrmechanismus, sind psychische oder auch psychosomatische Störungen die Folge. Sie zeigen sich u.a. in Zerstörungswut, Autoaggression, Allmachtsphantasien oder auch in Apathie oder kompletter Lethargie.

Es braucht also zur rechten Zeit eine Justierung der Reaktionsweisen – es sei denn, man hat diese im Rahmen individueller Krisenprävention analysiert und dadurch rechtzeitig eine Art ‚Verhaltens-Gegengift‘ entwickelt, das in der Lage ist dafür zu sorgen, dass der Mensch in der Lage ist, sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen zu müssen [Frankl] – hier insbesondere von seinen psychischen Reaktionen auf ein Verlusterleben.

Werteverlust

Ein Sportler, der intensiv trainiert, um an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen, verletzt sich so sehr, dass seine Laufbahn beendet ist. Ein Politiker, der sich konstruktiv für die Gestaltung eines Gesellschaftsaspektes einsetzt und Projekte dazu initiiert, kann seine Arbeit nicht fortsetzen, da seine Partei in der nächsten Wahl aus der Regierung abgewählt wird. Ein Schüler schafft eine wichtige Prüfung trotz großen Lernaufwandes nicht. Eine Person hat ihren Freund der unangemessen behandelt, so dass dieser die Freundschaft beendet. Das Lebensmodell eines Menschen wird durch Andersgesinnte so stark attackiert, so dass der Betroffene sich zurückzieht. Ein Kind fühlt sich durch ein Neugeborenes in seiner Bindung zu seiner Mutter stark begrenzt, da es nicht mehr die Aufmerksamkeit erhält wie zuvor. Eine Frau verliert ein Schmuckstück, das ihr von ihrem verstorbenen Partner zu einer besonderen Situation geschenkt wurde …

Verluste gehören zum menschlichen Leben dazu. Wird dem Verlorenen eine hohe Bedeutung beigemessen, dann hat der Verlust einen oder mehrere Werte der Person ‚angegriffen‘. Die Überwindung von Verlusten sind damit Aufgaben, die das Leben jedem Menschen stellt. Das macht jeder Mensch anders.

Der Verlust des eigenen Lebens ist dabei für die meisten Menschen die existenziellste Aufgabe, die es zu reflektieren gilt. Unsere Frage in diesem Zusammenhang an unsere Therapiepatienten lautet dabei meist: ‚Wie wollen Sie heute leben, so dass Sie sicher sein können, dass der Tod nicht in der Lage ist, Ihnen einen Verlust Ihrer Werte zu bereiten?‘

„Wer den eigenen Weg geht,
geht nicht den Weg der anderen,
folgt nicht fremden Wünschen und Vorstellungen,
hört auf seine eigene Stimme,
wird in seinen Entscheidungen klar,
wagt zu sagen, was er denkt,
wagt zu tun, was er sagt,
weicht nicht aus,
entwickelt Stehvermögen,
steht zu sich selbst,
ist sich selbst ein Freund,
fängt an, sich und andere zu lieben,
schiebt das Dunkle nicht von sich auf andere,
wird sich selbst treu,
vertraut sich selbst und anderen,
sagt ‚ja‘ zum Leben,
schöpft das Leben aus,
sagt ‚ja‘ zum Tod,
geht seinen Weg zu seinem Ziel.”

Uwe Böschemeyer

 

Ein kleines Steinchen rollte munter
Von einem hohen Berg herunter.

Und als es durch den Schnee so rollte,
Ward es viel größer als es wollte.

Da sprach der Stein mit stolzer Miene:
„Jetzt bin ich eine Schneelawine.”

Er riß im Rollen noch ein Haus
Und sieben große Bäume aus.

Dann rollte er ins Meer hinein,
Und dort versank der kleine Stein.

Joachim Ringelnatz

Die drei Seinsschichten

Alles Leibliche zählt zur somatischen Dimension. Zu ihr gehören das organische Zellgeschehen und die biologisch-physiologischen Körperfunktionen. Die psychische Dimension des Menschen umfasst die Kognitionen und Emotionen, die Sphäre seiner Befindlichkeit, seine Gestimmtheit, (Trieb-)Gefühle, Instinkte, Begierden und Affekte. Hierzu gehören auch intellektuelle Fähigkeiten, Verhaltensmuster  und soziale Prägungen.

Intentionalität, Schöpferisches, Ethisches und Werteverständnis repräsentieren die geistige Dimension. Auch die Fähigkeit, sich auf ein ‚Göttliches‘ zu beziehen sowie das Vermögen der selbstlosen, nicht berechnenden Hingabe findet sich in dieser Seinsschicht.

Mit dem Geistigen vermag der Mensch, zu seiner körperlichen und psychischen Befindlichkeit
‚so oder so‘ Stellung zu nehmen, und über diese geistige Stellungnahme auch seinen psychophysischen Zustand ein Stück weit zu steuern. Für die sinnzentrierte Psychotherapie, das sinnzentrierte Coaching und die sinnzentrierte Pädagogik und Andragogik stellt diese geistige Dimension die eigentliche dar.

Die somatische und die psychische Dimension werden im sog. ‚Psychophysikum‘ zusammengefasst.
Sie werden dynamisch betrachtet und als psychophysischer Parallelismus bezeichnet. Sie sind so gleichgeschaltet, so innig miteinander verbunden, dass ein somatischer Vorgang auch in der Psyche
einen parallelen Vorgang auslöst – und umgekehrt. So kann ein Hungergefühl, wenn es lange andauert, zu Frustration führen. Ein Trauergefühl kann körperliche Reaktionen auslösen
(zugeschnürte Kehle, Schlafstörung, körperliche Kraftlosigkeit). In der somatischen und psychischen Dimension ähnelt der Mensch weitestgehend dem höher entwickelten Tier.

Über das Psychophysikum vermag sich einzig das Geistige zu erheben und sich mit der körperlichen und psychischen Seinsschicht auseinander zu setzen. In dieser Auseinandersetzung, in der sich das Geistige gegenüber der Beständigkeit des Psychophysikums hinweg setzt und Stellung bezieht, zeigt sich die besondere Gabe des Geistigen, ein ‚es hat mich‘ in ein ‚ich habe es‘ umzumünzen.

Diese Gabe des Geistigen, der so genannte ‚noo-psychische Antagonismus‘, ist eine der wesentlichen Säulen der Sinntheorie Frankls. Sie ermöglicht es dem Menschen, sich über bestimmte störende Protagonisten oder Begebenheiten (zum Beispiel psychische Frustration, Gefühle der Minderwertigkeit, Angst, Zwang, depressive Stimmungen) zu erheben und sich von diesen zu distanzieren.

Ohne Worte

… und so bin ich bestrebt, die Position des Vorstandes einzunehmen … mit meinen 56 Jahren stellt das für mich die Krönung meiner beruflichen Laufbahn dar … ich kann auf eine stetige Entwicklung
zurückblicken, manchmal gab es side-steps, dann wieder nächste Stufen … es ist für mich nur logisch, nun in den Vorstand aufzurücken … wozu das gut ist? … ich kenne mein Unternehmen genau, und ich will mitwirken, dass unsere Firma dorthin kommt, wohin wir uns vorgenommen haben, es im Markt zu platzieren … wozu das für mich gut ist? … ich sagte ja schon, es wäre die Krönung … wer mich krönen würde? Sie stellen vielleicht Fragen! … rein formal ist die Benennung zum Vorstand bei uns eher blutleer, man wird „announced“ … wer würde mich wohl informell krönen? … wissen Sie – aber ich glaube, das hat mit meinem Thema hier nichts zu tun – [stockend] es war mir leider nicht vergönnt, Kinder zu bekommen. Ich wäre wirklich gerne Vater geworden. Und manchmal denke ich mir so, dass ich mich so ins Zeug gelegt habe, weil es eben mit einer ganzen Familie für mich nichts wurde … an sich würde das Ungeborene mich krönen, klingt seltsam, oder? …

Ausgangssituation eines unserer Coachings mit einer leitenden Führungskraft

Hauptstraßen zum Sinn

Mit den drei Hauptstraßen zum Sinn verstehen wir mit Frankl die drei Wertekategorien, durch deren Verwirk­lichung ein Mensch Sinn finden kann. Auf der ersten Straße kann ein Mensch eine Tat setzen, ein Werk schaffen [durch Verwirklichung schöpferischer Werte]. Auf der zweiten Straße findet er Sinn, indem er etwas oder jemanden in seiner  Einmaligkeit und Einzigartigkeit erlebt [durch Verwirklichung von Erlebniswerten]. Schließlich kann er auf der dritten Straße trotz der Konfrontation mit persönlichem Leid nicht seine Verantwortung preisgeben und auch noch sein Leben sinnvoll gestalten wollen [durch Verwirklichung von Einstellungswerten].

Davon, dass „der Mensch gerade in Grenz­situationen seines Daseins aufgerufen ist, Zeugnis abzulegen davon, wessen er fähig ist“ [Frankl], sind sinnzentriert arbeitende Therapeuten ebenso überzeugt als davon, dass jeder Mensch aufgrund seines Geistes dies auch konkret vermag.

Als Therapie, die auf die Gestaltung gelingenden Lebens ‚ab heute‘ setzt, betont die Logotherapie das aktive Handeln für die Zukunft und nicht das Aufarbeiten der Vergangenheit durch hyperreflexive ‚Warum-Fragen‘. Elisabeth Lukas, Frankls erste Schülerin, dazu:  „Nicht umsonst warnt Frankl davor, das Leben zu befragen. Etwa zu fragen: „Wa­rum ist meine Tochter behindert? Warum ist mein Mann ein Trinker? Warum bin ich krank gewor­den? … das Forschen nach einem Warum ist immer erfolgreich, aber selten hilfreich.“ Denn, „nicht das Fragen ist unsere Sache, sondern das Antworten; nicht das Warum ist relevant für uns, sondern das Deshalb. Das Leben fragt den einen: „Deine Tochter ist behindert? Was tust du jetzt?“ und den anderen: „Dein Mann ist ein Trinker. Was machst du daraus?“ Das Leben fragt den Dritten: „Deine Frau hat dich betrogen. Wie gehst du damit um?“ und den Vierten: „Du bist krank geworden. Wie stellst du dich dazu ein?“ Die Antwort ist unser. Die Antwort ist frei. Das Warum in letzter Schärfe zu durchschauen, ist uns nicht gegeben, aber das Deshalb in letzter Freiheit zu wählen, ist uns gewährt. Während der eine antworten wird: „Meine Tochter ist behindert, deshalb will ich von nichts wissen“, wird der andere antworten: „Meine Tochter ist behindert, deshalb soll sie meine besondere Zuwen­dung erhalten.“ Und während der eine antworten wird: „Ich bin krank geworden, deshalb freut mich das ganze Leben nicht mehr“, wird der andere antworten: „Ich bin krank geworden, deshalb nütze ich jede Minute meines Lebens sorgfältig aus.“ Die Fragen, die das Leben uns stellt, können wir uns nicht aussuchen, aber die Antworten, die wir darauf geben, sind Zeugnis unserer ureigensten geisti­gen Haltung, gleichsam ‚Fingerabdrücke‘ unseres Ichs.“