Archiv für den Monat: September 2014

Jemand beobachtete Nasreddin, wie
dieser etwas auf dem Boden suchte.
„Was hast du verloren, Nasreddin?”
fragte er. „Meinen Schlüssel”, sagte der
Mulla. Beide lagen nun auf den Knien
und suchten. Nach einer Weile fragte der
andere: „Wo hast du ihn denn eigentlich
verloren?” „In meinem Hause.”
„Aber warum suchst du ihn dann hier
draußen?” „Weil es hier heller ist.”

Nasreddin

Demenz und Sinn

Deutschland hat fast 1,4 Millionen Menschen mit Demenz – Tendenz steigend. Wollen wir diesen Menschen absprechen, Sinnhaftes zu erfahren?
Die Betroffenen verlieren zunehmend Gedächtnisfunktionen und leiden in der Folge an weiteren Beschwerden oder zusätzlichen Erkrankungen. Schleichend weicht die Identität. Und dennoch bleiben Demenzerkrankte ’sinnlich‘. Die Umgebung, Gerüche, Musik, Erzählungen, Berührungen, Bilder und Gesichter werden wahrgenommen und emotional wie kognitiv verarbeitet. Womöglich in einer ganz anderen Weise als gesunde Menschen es tun, greifen Demenzerkrankte die Fragen auf, die das Leben ihnen stellt.

Aus sinntheoretischer Sicht gibt es keinen guten Grund anzunehmen, dass ihnen Sinn abhanden kommt oder ihr Sinn zerstört wird. Unter den Bedingungen der Erkrankung finden ihn diese Menschen nur auf dem ihnen möglichen, für Außenstehende unergründlichen Weg.

Hier einige Dokumentationen und ein Videobeitrag zum Thema

http://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/alz/broschueren/das_wichtigste_ueber_alzheimer_und_demenzen.pdf
http:\\www.pirker-binder.at/wp-content/existenanalyse-logotherapie-_psychopraxis-2-06.pdf
http://www.demenznetz-haan.de/wp-content/uploads/2012/09/Demenz-Vortrag.pdf

 

 

Situationssinn

Wir verstehen in der KrisenPraxis unter Sinn eine „Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit“. Jede[!] Lebenssituation bietet dem Mensch die Möglichkeit einen einmaligen, unverwechselbaren Sinn zu verwirklichen. „Jeder Tag, jede Stunde wartet also mit einem neuen Sinn auf, und auf jeden Menschen wartet ein anderer Sinn. So gibt es einen Sinn für einen jeden, und für einen jeden gibt es einen besonderen Sinn. Aus alledem ergibt sich, daß der Sinn, um den es da geht, ebenso von Situation zu Situation wie von Person zu Person wechseln muß. Aber er ist allgegenwärtig. Es gibt keine Situation, in der das Leben aufhören würde, uns eine Sinnmöglichkeit anzubieten, und es gibt keine Person, für die das Leben nicht eine Aufgabe bereithielte.“ [Frankl]

Aber wie erkennt man, wenn man in einer Krise steckt, welche Sinnmöglichkeit es im Hier und Jetzt zu realisieren gilt? Vielleicht möchten Sie einmal einen kurzen Fall reflektieren:

Alleinerziehender Mann ohne jegliche Verwandtschaft oder Bezugspersonen verursacht aufgrund eines Reifenplatzers einen schweren Autounfall auf einer Landstraße. In seinem Wagen ist sein 8jähriger Sohn. Der Sohn bleibt unverletzt, beim Mann dringt beim Aufprall ein Glassplitter ins Hirn. Der Mann bleibt bei Bewusstsein, kommt ins Krankenhaus, wird dort versorgt und nach gelungener Stabilisierung erfährt er, dass es zu einer Gehirn-OP kommen muss, um das Glas zu entfernen. Diese OP kann tödlich verlaufen.
Beim Unfall wird einer Betroffenen aus einem anderen Fahrzeug ein Bein so schwer verletzt, dass es später amputiert werden muss. Ihre im Wagen mitfahrende Tochter wird getötet. Die Frau erholt sich gut von ihrer Verletzung. 
Beide, Mann und Frau, werden in derselben Klinik versorgt. Der Sohn verweilt in einem Gästezimmer der Klinik, wird kurz psychologisch betreut und kann dann am Schulunterricht wieder teilnehmen, worum sich eine Krankenschwester kümmert. 

Sinnfrage und Sterbehilfe

Nach dem Sinn im Leben, nach seiner Existenz und nach dem Sinn seiner Existenz fragen zu können, ist eine spezifisch menschliche Fähigkeit. Derzeit befindet sich unsere Gesellschaft in einer intensiven Debatte rund um das Thema Sterbehilfe. Die Perspektiven spiegeln personale Ethik wider, berühren Fragen der Verantwortungsübertragung, nehmen rechtliche Aspekte ins Visier und zeigen das jeweils individuelle Menschenbild des jeweiligen Autors und Redners auf.
Was der Gesetzgeber zu klären und regeln versucht, wird eines Tages zu einem neuen Verständnis der Möglichkeiten führen, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende zu machen.

Davon aber ganz unberührt bleibt die Frage nach dem Sinn im Leben im Einfluss von Leid, Schmerz oder Alter. Diese Frage kommt vor der Frage, wie das Leben zu beenden sei. Wird der Sinn in Frage gestellt, wird die Tür zum Lebensende weit geöffnet. Gerade in diesen existenziell kritischen Situationen kann der Mensch weiterhin Sinn finden, wenn er offen bleibt für die Aufgaben, die das Leben ihm stellt und deren Erfüllung nicht ihm selbst zugute kommen.

Das ist nicht leicht, wenn zum Beispiel eine schwere Pflegebedürftigkeit dazu führt, dass ein Mensch plötzlich und unvorbereitet in ein Heim übersiedeln muss. Fremde Hilfe zuzulassen, eine vertraute Umgebung aufzugeben, womöglich das alles im Zustand des Alleinseins – dieser Wandel mit damit einhergehenden Erwartungen an das Verhalten der Person, kann ein extremes Krisenempfinden bewirken. Der Grund liegt dabei in der Regel in einem Wertesystem, dessen Passung auf die neuen Bedingungen nicht gegeben ist und dessen An-Passung präventiv nicht vollzogen wurde. Gerade Menschen mit Werten aus den Kontexten Freiheit und Autonomie, Vorsicht und Distanz u.a. tun sich bei einem solchen Wechsel schwer. Kommen nun ein Nicht-mehr-gebraucht-werden, fremde Menschen, eigene Schmerzen usw. dazu, liegt nahe, sich die Frage zu stellen, wie das Leben zu beenden sei. Es ist heute anzunehmen, dass weit mehr Menschen sich die Frage heute vorlegen, als dass sie diese konkret mit ihrem Umfeld thematisieren. Die Angst, andere zu belasten, als schwach oder einer Therapie oder Fremdbetreuung bedürftig angesehen zu werden oder schlicht das Unwissen, mit wem eine derartig existenzielle Sorge auf Augenhöhe überhaupt besprochen werden kann, führen nicht selten zum Schweigen.

Aus sinnzentrierter Sicht strebt der Mensch solange er lebt, ob bewusst oder unbewusst, nach Sinn.
Um diesen Satz im Kontext eines Menschen, der krankheitsbedingt nicht mehr zu Erinnerungen, Regungen oder Äußerungen imstande ist, zu konkretisieren: Für die Logotherapie können Körper sowie Fühl- und Denkfunktionen erkranken. Die geistige Dimension des Menschen jedoch ist per se gesund. Im Menschenbild der Logotherapie verliert der Mensch nie seinen Sinn im Leben – wird einem erkrankten Menschen von Angehörigen abgesprochen, dass ’sein Leben angesichts der Aussichtslosigkeit der Situation nun doch sinnlos sei‘, wird dann ein Deutungsfehler begangen, wenn diese Bewertung der Angehörigen entweder auf der Basis ihres eigenen Wertesystems oder ihres Mitleids vorgenommen wird oder wenn sie das Leben des Betroffenen aus ihren eigenen Erlebnissen mit ihr heraus interpretieren, ohne dass es über die Werte des Betroffenen jemals ein tiefgängiges Gespräch gegeben hat. Ohne die Wertehaltung des Betroffenen konkret vor Augen zu haben, ist die Beurteilung, der Mensch habe keinen Sinn mehr im Leben, eher ‚leicht-sinnig‘. Auch der vorgetragene Wunsch eines Menschen, angesichts von Leid oder Schmerz sterben zu wollen, bleibt solange ‚frag-würdig‘, bis der Mensch hat deutlich machen können, keinen seiner Werte mehr verwirklichen zu können. Die Alltagspraxis zeigt, dass Gespräche in dieser Richtung kaum stattfinden – sie zu führen, gehört meist auch nicht zum Standardrepertoire einer ’normalen‘ Person. Sinnzentriert arbeitende Therapeuten, Seelsorger oder Pädagogen haben hier ihre methodisch bewährten, kommunikativen Zugänge.

Was hier als Arbeitsrahmen der Logotherapie skizziert wurde, reibt sich – wir wissen es – mit dem Dilemma, vor dem Menschen stehen, die der Frage ausgesetzt sind, einen Beitrag dafür zu leisten, um eine Person sterben zu lassen. Wir glauben auch nicht, dass die Gesetzgebung dieses Dilemma aufheben kann, sie kann lediglich den Rahmen schaffen, in dem Verantwortungsübernahme von Angehörigen und Ärzten legal bleibt. Jedoch – kein Paragraf wird ein wesentlich höheres Gut ersetzen können, auf das es in solchen extremsten Entscheidungen ankommt. Auf das Gewissen.

 

 

„…nie können wir aus der Länge eines Menschenlebens
auf seine Sinnfülle schließen“

Viktor E. Frankl

Wir sind nicht nur verantwortlich
für das, was wir tun,
sondern auch für das,
was wir nicht tun.

Jean Baptiste Molière

„Der Mensch ist das einzige Wesen,
das seinem Kellner das Trinkgeld vorenthalten kann.“
Woody Allen

Der Mensch ist ein Wesen, das zu den Trieben immer auch nein sagen kann […] Sofern er Triebe bejaht, geschieht dies immer erst auf dem Wege einer Identifizierung mit ihnen. […] Während sich der Mensch mit den Trieben jeweils erst identifizieren muß, […] ist das Tier mit seinen Trieben identisch. Der Mensch hat Triebe — das Tier ‚ist‘ seine Triebe. Was der Mensch demgegenüber ‚ist‘, ist seine Freiheit.“
Viktor E. Frankl

Spirituelle Krise – Beitrag des Benedikinermönchs Willigis Jäger

„Die spirituelle Krise ist etwas Normales, wenn jemand ernsthaft einen spirituellen Weg betritt.“ Der Zen-Meister, Benediktiner-Mönch und Mystiker Willigis Jäger über die verschiedenen Stufen einer spirituellen Krise, die Gefahr der Psychose und die mystische Erfahrung. Hier gehts zum Beitrag.

„Der Geist von Schwerbehinderten ist nicht behindert, weil Geist an sich nicht behindert sein kann. Schwerstbehinderte Kinder sind Akteure ihrer eigenen Entwicklung, man muss ihnen nur mit wirklichem Interesse und echter Zuneigung begegnen.“

Vater eines schwerbehinderten Jugendlichen