Werteverlust – und die rechtzeitige Entwicklung einer ‚Zweitreaktion‘

Menschen, die sich nach schweren Verlustsituationen ‚im Griff behalten wollen‘, werden in ihrem Leben Strategien zur Selbstberuhigung entwickelt haben, die wir in unserer Sprache ‚Zweitreaktionen‘ nennen. Während sich in der Erstreaktion bei einer eintretenden Verlust-Krise die Emotionen Bahn schaffen, zeigt die betroffene Person dann eine Zweitreaktion, wenn sie wieder in der Lage ist, ihre geistigen Steuerungskräfte einzusetzen und sich damit nicht auf ihre Triebe, Affekte und Kognitionen reduziert.

Menschen in der Zweitreaktion zeigen – bei allem Verlustbewusstsein – Nachsicht, Toleranz, Verständnis, die Fähigkeit zur Relativierung, die Ausrichtung auf das jetzt ’noch wichtigere‘, Versöhnungsbereitschaft usw.. Der Weg von der Erst- zur Zweitreaktion ist dabei individuell unterschiedlich lang. Kommt der Mensch in eine Krise und verharrt er in seinen Erstreaktionen, wird ihm sein Umfeld mit seinen Reaktionen versuchen dabei Grenzen aufzuzeigen. Gelingt dies nicht so, so dass Zweitreaktionen bewirkt werden, verstärkt dieser Einfluss die Erstreaktionen.

Spürt der Mensch jedoch, dass der Verbleib in psychischen Reaktionsweisen, wenig Aussicht auf Verbesserung des Lebens hat und zudem, dass es da etwas geben muss, was zu einem gelingenden Leben ‚trotz Verlustes‘ beitragen kann, dann ist offenkundig der ‚Wille zum Sinn‘ [Frankl] gegeben und eine sinnzentrierte Beratung hat gute Chancen auf Wirkung.

In gleichem Maße ist es Menschen möglich, sich ihre psychischen Reaktionsweisen präventiv vorzulegen und sich im Sinne von ‚Handlungs-Blaupausen‘ bessere Handlungen zu erarbeiten, die in der Lage sind, den Übergang von Erst- zu Zweitreaktionen zu beschleunigen. Ein Angebot, dies zu tun, wird im Winter 2015 unser Programm Life2Me® sein.

Grundsätzlich ist für den Sprung in die Zweitreaktion der Einsatz des Geistigen erforderlich. Die geistige Dimension des Menschen beschreibt seine Fähigkeit, quasi von sich selbst ‚aus guten Gründne‘ abzusehen und das Augenmerk auf das zu lenken, welche Aufgabe in der gegenwärtigen [Krisen-]Situation gewissenhaft und in Liebe oder Hingabe zu jemanden oder etwas, das man nicht selbst ist, zu erledigen ist.

Für ein gelingendes Leben, auf das jeder Mensch ein Recht hat, gibt es zu diesem, sich selbst überwindenden Vorgehen, keine Alternative. Verluste können nicht anders ‚umgemünzt‘ werden in einen menschlichen Triumph als über ihre Wandlung in einen individuellen Entwicklungsschritt des Loslassens, Beruhigens, Versöhnens. Kommt es dazu in einer therapeutischen Begleitung, braucht es Zeit und Geduld, da der Betroffenen oft in einer Phase kommt, in der seine Erstreaktionen bereits einen weiteren Raum in seinem Verhaltensrepertoire eingenommen haben.

Nimmt sich ein Mensch jedoch Zeit zur Krisenprävention, besteht gute Aussicht, diese Zeit derart zu verkürzen, so dass ein ‚Leben trotz Verlust‘ zeitnaher möglich wird.