Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

Nach dem Aufbau der Patientenbeziehung und den ersten stärkenden und stabilisierenden Gesprächsanteilen bitte ich Herrn Z., dass er seine Belastungssituation möglich genau definiert. Über diesen Weg soll er die nicht oder zumindest die nicht unmittelbar betroffenen Lebensbereiche erkennen und später dort ggfls. Ressourcen ausfindig machen, die ihm zur Bewältigung seiner Krise helfen können.

Um Herrn Z. in seiner Reflexion zu unterstützen, biete ich ihm mit dem ‚5 Säulen Modell von Hilarion Petzold‚ ein kleines Navigationssystem an:

Krisenpraxis - Petzold Säulen

 

Herr Z. sieht sich durch die eingetretene Situation erheblich in seiner Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, erkennt aber, dass dies Folgeerscheinung und weniger Auslöser der Krise ist. „Ich habe aber schon große Sorgen, wie lange ich das alles noch durchhalte und wann es in meiner Arbeit voll durchschlägt.“
Seine materielle Situation wurde durch die Ereignisse wenig beeinträchtigt, Herr Z. sieht aber mögliche Auswirkungen, würde sich die Lage nicht verbessern und er seine berufliche Leistungskraft auf Dauer eingeschränkt sehen.

Die Säule ’soziales Netz, Beziehungen, Freunde usw.‘ ist durch die Krise „kollabiert“. „Meine Frau und ich hatten nicht übermäßig, aber doch recht regelmäßig Gäste und Freunde bei uns. Ich hadere auch nicht mit meinem Umfeld, denn ich habe schon viel Unterstützung bekommen, für die ich auch sehr dankbar bin. Aber es fühlt sich für mich so an, als hätte ich ein volles Glas Wasser vor mir auf dem Tisch stehen, aber ich bin unfähig, es zu greifen. Meist war es ja auch meine Frau, die die Verbindung zu unseren Bekannten und Freunden hielt und Treffen vereinbarte.“

Die Gesundheitssäule ist „auch stark angeschlagen“, sie war schon vor den Ereignissen nicht so stark wie ich es mir gewünscht hätte, der übliche Raubbau eben. An sich mache ich jetzt gerade durch das Fahrradfahren weit mehr als vorher für meine Fitness, außerdem hab ich gut zehn Kilo verloren, weil ich nur sehr wenig esse. Ich habe schon den Eindruck, dass ich die Situation irgendwie besser verarbeitet hätte, wäre ich gesundheitlich stabiler gewesen. Richtig krank war ich ja auch nicht, nur schon lange irgendwie ‚verbraucht‘.“

Die Sinnsäule sehe ich dagegen nicht besonders berührt. Ich hab meine Aufgabe in der Firma, das ist mein Lebenswerk, mit dem ich ganz zufrieden bin. Ich bin kein Kirchenrenner, aber ich lese in freien Zeiten schon viel, querbeet, auch über verschiedene Kulturen und die Lage in der Welt. Und ich versuche schon, so diszipliniert wie es geht, meinen Führungsverpflichtungen nachzukommen und mich nicht hängen zu lassen. Ich hoffe, dass das auch so wahrgenommen wird, das Leben muss ja weitergehen und in unserem Unternehmen arbeiten schließlich fast 200 Leute und da hängt viel Verantwortung dran.“

Herr Z. markiert die aktuelle Stärke der fünf Säulen so:

Krisenpraxis - Petzold Säulen 2

und auf meine Bitte, einmal zu versuchen einen Satz zu formulieren, der die Lage am besten beschreibt, die sein Leben so erschüttert, formuliert er schließlich:

„Meine Frau ist tot und ich bin entsetzlich leer.“