Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

Nach diesen ersten Informationen des Patienten besteht mein erstes Vorgehen darin, ihn mit einigen Anmerkungen zu ‚erwärmen‘ und für den Beginn unserer Zusammenarbeit zu stabilisieren.
– Ansprache mit seinem Namen
– Dank dafür, sich bezüglich seiner Situation so offen geäußert zu haben
– Frage, ob ich etwas im Therapieraum tun kann, um ihm die Anwesenheit angenehmer zu gestalten
– Versicherung, dass das Besprochene vertraulich bleibt
– Lob dafür, dass er sich in ärztliche Begleitung begeben hat
– Dopplung: eine kurze Wiederholung der zentralen Sätze des Patienten, um ihm damit zum Ausdruck zu bringen, dass ich mich auf ihn konzentriere und seine Aussagen von mir wahrgenommen wurden, ohne dass diese gedeutet oder bewertet werden ….

Im nächsten Schritt beginne ich mit einer ersten Entlastung, indem ich Herrn Z. sage, dass er auf die ‚unnormale Situation‘ durchaus normal reagiert habe und immer noch reagiere. Die eingetretene Situation ist so stark belastend gewesen, dass seine individuelle Belastungsgrenze überschritten sei und die Möglichkeit, sie mit eigenen Ressourcen zu bewältigen [zu dekompensieren], aktuell noch nicht wiederhergestellt ist. Ich zeige ihm dazu diese Übersicht, in der unterschiedliche Krisenverläufe dargestellt sind:

Krisenpraxis - DekompLinie

 

Herr Z. stimmt mit mir darin überein, dass es sich bei ihm akut um eine ihn ‚überraschende‘ Situation handelt und er ergänzt: „Aber es gab natürlich auch andere Ereignisse, die zusätzlich immer wieder Stress erzeugt haben, wie zum Beispiel verlorene Aufträge oder die Diskussionen über den Kinderwunsch meiner Frau.“ Ich bestätige, dass er womöglich auch ohne das akute Ereignis bereits genügend Belastungen gehabt hat, die es gerechtfertigt hätten, sich dieser Themen intensiver anzunehmen, dass aber die jüngsten Erlebnisse allein genommen durchaus auch zu den geschilderten Symptomen hätten führen können.

Ich bitte ihn auf einer Skala von 0 – 20 [0= keine Belastung, 20= maximale Belastung] den Wert anzugeben, den er aktuell als stimmig verspürt. Er antwortet: 15. Auf meine Frage, was geschehen müsse, damit dieser Wert auf 16 steigt, ist Herr Z. zuerst verwundert, aber dann meint er spontan, „wenn in der Firma die Dinge drunter und drüber gehen würden“. Ich frage, warum das nicht geschieht und er sagt, dass er genügend gut qualifizierte Leute habe, die ihre Aufgaben sorgsam und qualitativ erledigen würden.

Ich frage weiter: „Also, wenn der Wert 16 nicht erreicht wird, was müsste geschehen, dass Sie auf den Wert 17 kommen?“ Herr Z.: „Wenn meine Zusammenarbeit mit Ihnen nichts bringt und ich aus meinem Tal nicht herauskomme.“ Ich frage: „Was müsste denn passieren, so dass Ihre Therapie scheitert?“ Er antwortet: „Wenn Sie mir sagen, dass ich an allem wirklich schuld bin. Dann wäre ich wohl komplett am Ende.“

„Nun“, meine ich, „komplett am Ende sind Sie vielleicht erst bei 20? Was ist denn dann die Lage?“
Herr Z. denkt eine Weile nach und ich merke, dass er förmlich alle Lebensbereiche mental scannt.
„Ich bin bei 20, wenn ich sehe, dass mein ganzes Leben keinen Sinn mehr macht, wenn ich um mich herumschaue und nichts und niemand ist mehr da.“

„Verstehe. Sie sind also derzeit in einer extremen Lebenssituation und ihre Bewältigungsstrategie ist noch nicht ganz passend für diese persönliche Lage. Sie haben zwei gravierende Ereignisse erlebt von denen sich beide als außergewöhnlich bedrohlich für Ihr Leben dargestellt haben. Mit dem Tod Ihrer Frau haben Sie zudem einen schmerzlichen Verlust eines Ihnen nahe stehenden Menschen hinnehmen müssen. Sie sprechen von Albträumen und deuten ein nun länger andauerndes emotionales Betäubtsein und eine gewisse Teilnahmslosigkeit und Freudlosigkeit an. Sozialkontakten gehen sie aus dem Weg, Gespräche mit Freunden oder Bekannten könnten ja auch dazu führen, dass sie immer wieder an die Ereignisse erinnert werden. Dieser akute Zustand geht einher mit Schlafstörungen und Panikmomenten. Und Ihre bisherigen Handlungsweisen bestehen darin, Rad zu fahren, sich ärztlich begleiten zu lassen, in Ihre Firma zu gehen und zu versuchen, mit erhöhtem Alkoholgenuss die Auswirkungen der extremen Lebenssituation zu mindern. Ich denke, es ist unter diesen Gesichtspunkten angemessen, von einer schweren Belastungsstörung auszugehen, deren Verlauf gut zu beeinflussen ist, da Sie den eigenen Willen zeigen, an dieser Situation zu arbeiten. Ich erlebe bei Ihnen niemanden, der sich quasi bei mir ‚abgibt‘, sondern der ein starkes Interesse daran hat, mitwirkend an der Verbesserung der Lage zu arbeiten. Stimmen Sie soweit zu?

Herr Z. nickt.

Gut, dann sollten wir als nächstes daran gehen, zu klären, was genau zur Situation gehört und was nicht. Ich habe den Eindruck, dass es Lebensbereiche gibt, die zumindest nicht unmittelbar von der Krise in ihrer jetzigen Lebensphase betroffen sind. Wenn die Krise definiert ist, dann haben Sie eine gute Basis dafür zu erkennen, welche Maßnahmen für Sie entlastend und hilfreich sind. Und mir verschafft diese Klärung eine Orientierung für die Zusammenstellung einzelner Arbeitsschritte.
[wird fortgesetzt]