Die Krise des ‚am Ende zähl nur ich‘

Die Geister der Gier wird man so schnell nicht los. Alles will erobert sein, im Leben soll es üppig zugehen, es soll Spaß machen. Der Mensch giert nach Beachtung und Aufmerksamkeit, erhält er sie nicht, wird die Gier depressiv. Alles zählt jetzt, und so rennen die Menschen ihrem Glück nach und zuweilen auch achtlos an ihm vorbei. Bleibt zu wenig für das Ich übrig, dann muss schnell ein gieriges Feuer entfacht werden, damit die Psyche zu ihrer Befriedigung kommt. Die Ressourcen des Menschen sind endlich, seine Gier erschöpft sich in Erschöpfung und im Verglimmen der eigenen Flamme. Es muss alles jetzt sein, im Morgen kann man zu spät kommen. Dann sind die Körbe vielleicht schon leer. Wie spießig sind doch die, die an andere Denken. Weg mit den Gutmenschen, sie langweilen. Lasst uns geil und lustig sein, das Leben ist kurz und Zeit ist Geld.

Hatte der Mensch je ‚genug‘? Hatte er je das Gefühl, nicht im Modus ‚zu wenig‘ zu sein? Schauen wir uns um, dann finden wir alle Formen der Ausuferung. Wir merken, Gier hat jeder. Der eine giert nach Arbeitsleistung und die, die Gier stillen, klagen über ‚zu viel Arbeit‘. Der andere giert nach den Leckereien des Kühlschranks und die, die Folgen zu bezahlen haben, klage über ‚zu viel der Kosten des Gesundheitswesens‘. Der nächste giert nach Macht und die, die sie zu spüren bekommen, klagen über ‚zu viel Stress am Arbeitsplatz‘. Der übernächste giert nach Deutschtum und die, denen das fremd ist, klagen über ‚Fremdenhass‘.
Die Leistung der Kinder? Sind nicht genug. Also hinein mit Barbituraten.
Das Leben ist lebenswert? Nicht genug. Also hinein mit Speed, Ecstasy und Crystal Meth.
Geld, Sex, Einfluss, Kontakte ….. – Nicht genug.

Das ’nicht genug‘ ist eines der wesentlichen Themen in jeder Psychotherapie. Dazu zwei Perspektiven.

In der Psychoanalyse wird dem Therapeuten das ‚Übermäßige im Patienten‘ übertragen. Der Therapeut bekommt im Übermaß von dem ab, was sich mit dem gesellschaftlich Vereinbarten rechtfertigen lässt. Seine Leistung besteht nun darin, einzig mit dem Wort dahinzuwirken, dass der Patient das, was ‚zu viel‘ ist, umlenkt in psychisch Gesundes. Der Weg dorthin geht über das Unbewusste. Im Unbewussten vereinen sich die Kräfte in einem konflikthaften Charakter, in dem sich das Ausufernde gegen die Fähigkeit seiner Begrenzung stellt. Hat das Ausufernde die psychische Oberhand gewonnen, dann zeigt sich das Triebwesen Mensch in seiner ganzen ungehemmten Unverblümtheit. Und der Analytiker muss aufpassen, dass er sich in seiner Gegenübertragung nicht selbst in ein ‚zu viel und ein nicht genug‘ manövriert. Führt der Patient zum Beispiel zu viele seiner unbewussten Trauminhalte ab ohne sie genügend zum Besseren zu transformieren? Dann könnte diese Kritik den Patienten verunsichern, hat er doch gelernt, alles sagen zu können. Aus dieser Sicht gäbe es also kein ‚zu viel‘.

Wie aber kann der Patient erkennnen. dass dem Überfluss auf der einen, ein Mangel auf der anderen Seite gegenübersteht? Wie kann er erkennen, dass die psychisch einseitig gesenkte Waagschale zu bewegen, dass das Zuviel auf der einen Seite in ein Besseres in die andere Schale zu transformieren ist? Die Psychoanalyse versteht die Psyche dynamisch, damit ist ein Bild einer völlig befriedigten, balancierten Psyche unvereinbar. Der einen zuviel, ist der anderen zuwenig – so ist das Spiel der Psyche. Fühlt sich Mensch ’nicht genug‘ und gewinnt er in seinen Assoziationen ein Bild seiner früheren Unzulänglichkeiten, dann wird er in der Analyse lernen sollen, das ‚Zuviel‘ seiner Negativität zu vernachlässigen, sein übermäßiges Mangelempfinden zu regulieren. Die Adresse der Regulierung wird hier die zweite psychische Waagschale. Den Blick zu wenden von der überfließenden ersten in die darbende zweite Schale, das schafft neues Gleichgewicht – ganz im Sinne der Homöostase.

Für die Psychoanalyse wird innerhalb dieser beiden Pole dynamisch hin- und hergelebt. Immer gibt es ein Zuviel, dann ein Nicht-Genug, oftmals beides.
Und in einer Krise? Wollen wir es Menschen verübeln, in einem Leben, das womöglich ohnehin geprägt war durch Entbehrungen und Entsagungen und das nun durch den Tod des Partners eine weitere Form des Verlustes anzunehmen hat, psychische Reaktionen zu zeigen, in deren Fokus der ‚Überfluss‘ steht?

Verübeln nein, aber den Menschen auch nicht auf diese beiden Pole seiner Psyche reduzieren. Die einzige Therapierichtung, die sich strikt gegen alle Reduktionismen wendet, ist die Logotherapie. Der Mensch ist nichts als seine Triebe – einen solchen Satz hat Frankl regelmäßig auf die Palme gebracht. Denn für ihn stand seit seinen eigenen Erlebnissen mit Vertretern der Psychoanalyse fest: Der Mensch hat Triebe, aber er ist sie nicht. Und: Der Mensch hat etwas, was sich dem Diktat des Tiefenpsychischen entzieht. Er hat eine geistige Dimension, die es ihm jederzeit erlaubt, sich von seinen psychischen Bedürfnissen, Reaktionsweisen, Abwehrmechanismen zu distanzieren. Die Instanz, die dies ermöglicht, ist der Sinn, den jeder Mensch in jeder Situation hat und den es zu finden gilt.

Die Krise des ‚am Ende zähl nur ich‘ wird über die sinnzentrierte Herangehensweise überwunden. Mit einem ‚das Leben zählt auf mich‘.