Die Einflüsse der Risiko-Gesellschaft – 2

Die 15 Thesen von Ulrich Beck

Die Theorie des eigenen Lebens
These 1:

Hochdifferenzierte Gesellschaft zwingt und ermöglicht, ein eigenes Leben zu führen.

  •  Gesellschaft zerfällt in einzelne Funktionsbereiche.
  •  Gesellschaft integriert die Menschen nicht als ganze Person in ihre verschiedenen Funktionssysteme, sondern nur teil- und zeitweise.
  • Die einzelnen Menschen müssen mit dem andauernden Wechsel zwischen verschiedenartigen, zum Teil unvereinbaren Verhaltenslogiken selbständig zurechtkommen und ihr eigenes Leben selbst in die Hand nehmen.
These 2:

Das eigene Leben ist kein ‚eigenes‘ Leben.

  • Die einzelnen Menschen führen ihr ‚eigenes Leben‘ weitgehend unter Bedingungen, die sich ihrer Kontrolle entziehen.
These 3:
Das eigene Leben ist durch und durch institutionenabhängig und durchorganisiert.
  • Die einzelnen Menschen sind im Netzwerke der Vorgaben eines Bürokratie- und Institutionendickicht fest eingebunden.
  • Die einzelnen Menschen sind gezwungen, die Selbst-organisation des Lebenslaufes und Selbstthematisierung der Biographie vorzunehmen. Dazu müssen sie stets schneller, wendiger, kreativer sein, um sich in der Konkurrenz durchzusetzen und werden damit zu Akteuren, Konstrukteuren, Jongleuren, Inszenatoren ihrer Biographie, ihrer Identität, aber auch ihrer sozialen Bindungen und Netzwerke.
These 4:
Biografie wird zur Risiko-, Bruch- oder Zusammenbruchsbiografie.
  • Die Risikogesellschaft hält die Möglichkeit des Abgleitens und Absturzes permanent präsent.
  • Diese Möglichkeit erzeugt Angst.
These 5:
Das eigene Leben ist zur Aktivität verdammt.
  • Unkalkulierbarkeit und Unsicherheit sind Antreiber.
  • Scheitern ist ebenso aktives Leben.
  • Scheitern ist stets persönliches Scheitern.
  • Das eigene Leben wird zu einem biografischen Planungsbüro.
These 6:
Gesellschaftliche Krisen
werden auf das eigene Leben bezogen und als individuelle Krisen erfahren.
  • Gesellschaftliche Krisen werden als individuelle Risiken bilanziert.
  • Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft entsteht.
  • Krisen erscheinen zunehmend als individuell und nicht als Phänomen von Gesellschaftlichkeit.
  • Indikator Biografie: Die Lebensereignisse werden nicht primär ‚fremden‘ Ursachen, sondern ‚eigenen‘ Entscheidungen zugerechnet. Es zeigen sich immer mehr Elemente einer individualistischen und aktivistischen Erzählform, somit auch eine Zuschreibung der Krise an die eigene Person.
These 7:
E
igenes Leben ist zugleich globales Leben.
  • Die einzelnen Menschen handeln zunehmend über Distanzen hinweg – sie werden ortlos.
  • Vernetzung entzieht Kontrolle, personale und lokale Erfahrungshorizonte werden aufgebrochen. Einst lokale Lebensstile werden global verfügbar.
These 8:
Eigenes Leben ist enttraditionalisiertes Leben.
  • Traditionspflege wird zur Entscheidung des einzelnen Menschen.
  • Gruppenspezifische oder kollektive Identitäts- und Sinnquellen mit ihren Lebensstilen und Sicherheitsvorstellungen lösen sich auf. Individualisierung zwingt zu Definitionsleistungen des Einzelnen.
These 9:
E
igenes Leben ist experimentelles Leben.
  • Zukunft wird nicht mehr aus Herkunft abgeleitet.
  • Lebensführung wird historisch vorbildlos.
  • Eigenes und soziales Leben müssen  neu aufeinander abgestimmt werden – ohne zu wissen, ob dies auch gelingt.
These 10:
Eigenes Leben ist reflexives Leben.
  • Die einzelnen Menschen ‚managen‘ ihr ‚eigenes‘ Leben durch Verarbeitung widersprüchlicher Informationen, Verhandlungsprozesse und Kompromisse und empfinden dies als Selbstbestimmung.
  • Reflexiv führt dies zu einer Abwälzung institutioneller Probleme auf die individuelle Ebene des ‚mündigen Bürgers‘.
These 11:
Die Sozialstruktur des eigenen Lebens entsteht mit fortlaufender Differenzierung und Individualisierung.
  • Fortlaufende Individualisierung führt zu einer Erweiterung sozialer Strukturen und dazu, dass traditionelle Lebensformen gegen die entstehenden neuen Optionen verteidigt und gerechtfertigt werden müssen und dadurch und als potenzielles Risiko erlebt werden.
These 12:
Eigenes Leben ist  eine reflexiv moderne, hoch bewertete Lebensform.
  • Die durch die Öffnung der Gesellschaft neuen Funktionslogiken geben der Empathie des Individuums und der Unvordenklichkeit des Individuellen gesellschaftlichen Raum und Sinn.
  • Das Wesen der Individualität kann als radikale Nichtidentität ausgefasst werden, an der letztlich das Allgemeine zerbricht.
These 13:
Eigenes Leben ist radikal nichtidentisches Leben.
  • Das eigene Leben entzieht sich dem Zugriff des verallgemeinernden Denkens und Forschens. Die vielen, auf das eigene Leben geworfenen Lichter aus Wissenschaft und Kunst und Philosophie und Fotografie und biografischer Rekonstruktion und soziologischer Analyse machen das Leben fragwürdig und merkwürdig.
These 14:
Eigenes Leben ist durchaus ein moralisches Leben.
  • Die einzelnen Menschen suchen eine Moral der Selbstbestimmung, die ihnen Orientierung geben kann – aber keine mit eingeschliffenen, abgegriffenen, widerspruchsvoll gewordenen Pflichtformen und -formeln zu verwechselnde Moral.
These 15:
Eigenes Leben ist das Diesseitsleben, dem der Tod das endgültige Ende setzt.
  • Das eigene Leben ist das nur einzige Leben vor dem Tod.
  • Vor diesem Ende erklärt sich die Tendenz, in Esoterik und neue Religionsbewegungen aller Art zu flüchten.