Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht [Ende]

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

Nachdem Sie nun herausgearbeitet haben, dass es weder gerechtfertigt noch die Situation verbessernd ist, dass Sie sich mit Schuldfragen befassen, können Sie sich eine andere Frage vorlegen, nämlich eine, die nicht Sie sich, sondern die Ihnen Ihr Leben stellt.

Herr Z. schaut mich interessiert an. „Und wie lautet die?“

Sie lautet: Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie genau jetzt die Antwort?
Ich möchte diese Frage kurz begründen. Sie sagten jüngst, dass Sie sich ‚entsetzlich leer‘ fühlen. Dann schilderten Sie das Verhalten eines Bekannten, dessen Frau an Krebs gestorben ist. Sie skizzierten einen recht verzweifelt nach einem Lebensinhalt ausschauenden Menschen und dabei verschiedene Maßnahmen eingeleitet hat, die jedoch bislang nicht fruchteten. Dieser Bekannte hat sein Leben befragt im Sinne eines: ‚Liebes Leben, wo finde ich etwas oder jemanden, der oder das mich aufheitert, dem ich nahe sein kann, mit dem ich mich etwas unternehmen kann usw.‘.
Diese Frage so zu stellen ist menschlich, birgt aber das Risiko, nicht erhört zu werden – denn: Sie ist fundamental ich-bezogen. 

Stellen Sie sich die Frage jedoch anders herum, dann erkennen Sie, was es jetzt von Ihnen braucht, um aus Ihrer empfundenen Leere herauszukommen.

Herr Z. bittet um einige Beispiele solcher Fragen und ich erzähle ihm aus vergangenen Arbeitsprozessen mit Menschen in Krisensituationen. Zur weiteren Unterstützung lege ihm seine in einer früheren Sitzung bewerteten 5-Säulen-der-Identität vor und Herr Z. beginnt, in sich hineinzuhören …

…. ich habe meinen Freunden noch nicht für ihre Unterstützung gedankt, das sollte ich tun …, … auch meine Mitarbeiter haben mir den Rücken frei gehalten und ich habe darauf noch nicht reagiert … ich war zu sehr mit mir beschäftigt … mehrere Investitionen habe ich aufgeschoben, weil ich mich nicht darauf konzentriere konnte, die sind aber wichtig, damit wir unsere Prozesse für unsere Kunden weiter optimieren können … vielleicht würden sich auch die Bankmitarbeiter freuen, wenn ich sie einmal besuchen würde und sie frage, wie es ihnen heute geht … wir haben in einem Jahr unser 30jähriges Firmenbestehen, das sollten wir feiern, auch wenn mir jetzt so gar nicht danach ist, aber darum geht es ja nicht …. und – natürlich – meine Frau hatte ja auch ein für sie wichtiges Projekt mit anderen Personen begonnen, da sollte ich hören, wie es darum bestellt ist, bestimmt kann ich dafür etwas tun …

Es folgen weitere Impulse, die seine erste Familie betrifft und einige Personen aus seinem sozialen Umfeld. Ich frage ihn: ‚Und, wie geht es der Leere damit‘?

„Die ist weg“, meint Herr Z. sichtlich erstaunt.

—-

Drei Monate später treffen wir uns wieder. Herr Z. macht einen deutlich beruhigten Eindruck, und er berichtet von vielen empfindsamen und ihm wohlgesinnten Gesprächen mit den Menschen, die er aufsuchte. Und in vielen dieser Gespräche wäre ihm doch bewusst geworden, dass er ein recht einseitiges und ihn zentrierendes Leben geführt hat. „Das wurde schon auch von anderen wahrgenommen. Aber das ist nun vorbei, denn eins hab ich nicht verlernt: meinem Leben zu antworten.“