Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

„Was sind Ihre kühnsten Hoffnungen bezüglich der Auswirkungen unserer Zusammenarbeit heute?“, leite ich die folgende Sitzung ein.

Herr Z. sagt spontan, er sähe einen großen Gewinn darin, einen anderen Weg zu finden, als den, den ein Bekannter von ihm eingeschlagen hätte. Er hätte diesen jüngst getroffen und er habe berichtet, dass seine Frau vor einem Jahr an Krebs gestorben sei. Die Zeit sei für sie ein reines Martyrium gewesen und er selbst habe sich nach ihrem Tod erst verkrochen, dann wäre eine Art Arbeitswut entstanden, mit der er das gemeinsame Haus komplett umgekrempelt habe. Irgendwann aber hätte er sich die Frage gestellt, was das eigentlich soll und dann wäre er zusammengebrochen. Er wüsste eigentlich immer noch nicht, wie es weitergehen könnte und deshalb würde er nun einfach öfter in die Stadt gehen und schauen, ob ihn irgendwas ‚anfixt‘. Aber es sei alles so blutleer und die Leute, die da herumhetzen langweilten ihn mehr als dass sie ihn irgendwie zum Mitmachen ermuntern. „Der Herbert tut mir schon leid, er hat ja noch weniger als ich, noch nicht mal eine Arbeit, die ihn fordert“.

Wie sähe denn der Weg aus, den Sie Ihrem Bekannten gewünscht hätten und den er offenkundig nicht eingeschlagen hat? 

Nun, er kann doch froh sein, dass das Leiden endlich vorbei war. Ein Jahr ist doch eine verdammt lange Zeit und vermutlich waren diese Monate voller Sorgen, Schmerzen und ohne Terminen von einem Arzt zum anderen. Ich hätte wohl einmal tief durchgeschnauft und mich dann gefragt, was ich nun für mich tun kann, damit ich wieder auf die Beine komme.

Ja und ist es nicht so, dass er das doch vielleicht getan hat? Er hat sich verkrochen und sich gefragt, was er braucht. Dann hat er gehandelt und in seinem Haus Veränderungen vorgenommen. Das tun ja viele Menschen. Es klingt aber, als hätten die eingeleiteten Veränderungen bei ihm eine interessante Frage aufgeworfen. Nicht, warum tue ich das, sondern wofür? Bei Ihnen selbst habe ich hingegen den Eindruck, dass sie schon eine große Quelle haben, die Ihnen am Herzen liegt, und das ist Ihre fordernde Arbeit. Wofür ist es eigentlich gut, dass es Sie in Ihrem Unternehmen gibt?

Herr Z. erzählt, wie er sein Unternehmen aufgebaut hat, seine Frau habe ihn immer so weit es ging unterstützt, ihn auch in Personalfragen immer wieder einmal beraten. Zu den Firmenfeiern wäre sie auch dabei gewesen und ansonsten – lächelt er – ’na Sie wissen schon, ein starker Mann braucht eine starke Frau‘. Dann folgen Ausführungen über die Produktintelligenz, seinen Kundenstamm, die Anforderungen der Zukunft, sein Hochleistungsteam …. allesamt durch eine starke rationale Betrachtung gekennzeichnet.

Hmm, das hört sich für mich an, als wäre der Satz von Ihnen aus der letzten Sitzung zu korrigieren in: ‚Meine Frau ist tot und ich bin trotzdem sehr erfüllt.‘ Wie fühlt sich das für Sie an?

Schon pietätlos. Das hört sich so an wie ‚meine Güte, ist halt passiert. Schicksal. Schwamm drüber, weitermachen‘.

Gut, dann versuche ich, einen Satz zu formulieren, der aus meiner Sicht dem nahekommt, was Sie gerade eingewendet haben. ‚Meine Frau ist tot und ich kann auch ohne sie und mache meine Sachen weiter.‘ Wie ist der im Vergleich zu ‚Meine Frau ist tot und ich bin trotzdem sehr erfüllt.‘?

Ich finde, beide klingen zu egoistisch und ich weiß auch nicht, wohin das jetzt führen soll?

Gut, dann noch ein Versuch: ‚Meine Frau ist tot und sie erlaubt es mir nicht, an ein erfülltes Weiterleben zu denken, weil ich noch so voller Schuldgefühle sein muss.“

Völliger Quatsch. Meine Frau hätte mich nie zu Schuldgefühlen verpflichtet. Dazu hätte es früher auch schon Gelegenheit gegeben, aber sie hatte überhaupt kein Verhältnis zu diesem Wort.

Das heißt, Ihre Frau verpflichtet Sie nicht dazu, sich als Schuldiger zu empfinden. Das tun Sie also dann nur für sich selbst. Ist das nicht auch egoistisch? 

Herr Z. schaut mich an: ‚Da haben Sie recht. Meine Güte, in was habe ich mich denn da verrannt?‘

Nun, es könnte sein, dass Sie dadurch, dass Sie sich schuldig empfinden, sich auch so verhalten [ich zeige Herrn Z. einige Bildkarten und er wählt sofort die aus, die jemand zeigen, der offenkundig unter der Last von Schuld steht]. Und das führt zu Aufmerksamkeit, die man erhält und die tut gut, weil da ja Ihre Frau nicht ist, die Ihnen sonst ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Wir reflektieren eine Weile den Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung und darüber, dass sowohl er als auch seine Frau dafür verantwortlich waren, nach dem Ereignis in der Bank ins Auto gestiegen zu sein, weil sie beide einen Termin wahrnehmen wollten. Auf meine Frage, ob er sich vorstelle, der Unfall sei eine unmittelbare Folge aus den Erlebnissen zuvor, meinte Herr Z., das habe er auch schon überlegt, aber da wäre ihm ganz klar, dass das nicht der Fall sei. Sowohl seine Frau als auch er hätten den Banküberfall zwar unmittelbar verfolgt, hätten sich jedoch durch die Situation vor Ort nicht unmittelbar gefährdet gefühlt. Die Ruhe des Räubers als auch die Professionalität des Personals hätten dazu beigetragen. Der Täter sei ja auch regelrecht überrascht gewesen als da urplötzlich die Polizei in der Halle stand, und einen Schusswechsel hätte es ja auch nicht gegeben. …