Archiv für den Monat: November 2014

Wesensmomente des Gewissens

  • Gewissen ist innerliches Geschehen. Man kann es mir unter Umständen ansehen, wenn mich Gewissensbisse quälen, aber das Geschehen des Gewissens vollzieht sich ausschließlich in meinem Inneren.

  • Ich kann nur mein eigenes Gewissen erfahren. Nur ich selbst höre die Stimme, die mir zuruft: Das bist Du eigentlich. Nur in übertragenem Sinne kann man von „Gewissen der Wissenschaft“ oder vom „Gewissen eines Volkes“ sprechen, erfahrbar ist das nicht.

  • Das Gewissen zielt direkt auf mich. Ich bin der unmittelbar Betroffene, Ich kann dem Spruch des Gewissens nicht unbeteiligt oder neutral gegenüberstehen. Ein anderer kann mir meine Gewissenssache nicht abnehmen. Wie ich aus der Gewissensnot herauskomme, ist meine eigenste Angelegenheit.

  • Das Gewissen spricht zu mit sehr konkret. Es fragt: Wie war mein Tun oder mein Unterlassen in genau dieser Situation möglich?

  • Das Gewissen zwingt mich zum Hören. Deshalb redet man von der Stimme des Gewissens.

  • Der Anruf des Gewissens bringt mich in die innere Einsamkeit. Er zwingt mich, wegzuhören von all den Dingen, die mich gerade in Anspruch nehmen.

  • Wenn ich vom Gewissen betroffen bin, leide ich unter diesem Zustand. Diese eigentümliche Beklommenheit kann sich zur Gewissenslast, zur Gewissensangst und zur Gewissnensqual steigern. Daher redet man von Gewissensbiss oder vom Stachel des Gewissens.

  • Die Heftigkeit der Gewissenserfahrung verändert sich. Sie kann als dumpfe Regung beginnen, sich zu voller Deutlichkeit entfalten und sich auch wieder abschwächen und schließlich verstummen. Ich kann in dieses Geschehen aktiv eingreifen: das Gewissen voll auswirken lassen, oder versuchen, den quälenden Zustand baldmöglichst wieder loszuwerden. Ich gelte dann mehr oder weniger „gewissenhaft“ oder „gewissenlos“.

  • Der Grad des Quälenden liegt nicht im Gewissen, sondern in meinem eigenen Tun.

    nach Wilhelm Weischedel
    Philosoph und Ethiker

Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht [Ende]

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

Nachdem Sie nun herausgearbeitet haben, dass es weder gerechtfertigt noch die Situation verbessernd ist, dass Sie sich mit Schuldfragen befassen, können Sie sich eine andere Frage vorlegen, nämlich eine, die nicht Sie sich, sondern die Ihnen Ihr Leben stellt.

Herr Z. schaut mich interessiert an. „Und wie lautet die?“

Sie lautet: Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie genau jetzt die Antwort?
Ich möchte diese Frage kurz begründen. Sie sagten jüngst, dass Sie sich ‚entsetzlich leer‘ fühlen. Dann schilderten Sie das Verhalten eines Bekannten, dessen Frau an Krebs gestorben ist. Sie skizzierten einen recht verzweifelt nach einem Lebensinhalt ausschauenden Menschen und dabei verschiedene Maßnahmen eingeleitet hat, die jedoch bislang nicht fruchteten. Dieser Bekannte hat sein Leben befragt im Sinne eines: ‚Liebes Leben, wo finde ich etwas oder jemanden, der oder das mich aufheitert, dem ich nahe sein kann, mit dem ich mich etwas unternehmen kann usw.‘.
Diese Frage so zu stellen ist menschlich, birgt aber das Risiko, nicht erhört zu werden – denn: Sie ist fundamental ich-bezogen. 

Stellen Sie sich die Frage jedoch anders herum, dann erkennen Sie, was es jetzt von Ihnen braucht, um aus Ihrer empfundenen Leere herauszukommen.

Herr Z. bittet um einige Beispiele solcher Fragen und ich erzähle ihm aus vergangenen Arbeitsprozessen mit Menschen in Krisensituationen. Zur weiteren Unterstützung lege ihm seine in einer früheren Sitzung bewerteten 5-Säulen-der-Identität vor und Herr Z. beginnt, in sich hineinzuhören …

…. ich habe meinen Freunden noch nicht für ihre Unterstützung gedankt, das sollte ich tun …, … auch meine Mitarbeiter haben mir den Rücken frei gehalten und ich habe darauf noch nicht reagiert … ich war zu sehr mit mir beschäftigt … mehrere Investitionen habe ich aufgeschoben, weil ich mich nicht darauf konzentriere konnte, die sind aber wichtig, damit wir unsere Prozesse für unsere Kunden weiter optimieren können … vielleicht würden sich auch die Bankmitarbeiter freuen, wenn ich sie einmal besuchen würde und sie frage, wie es ihnen heute geht … wir haben in einem Jahr unser 30jähriges Firmenbestehen, das sollten wir feiern, auch wenn mir jetzt so gar nicht danach ist, aber darum geht es ja nicht …. und – natürlich – meine Frau hatte ja auch ein für sie wichtiges Projekt mit anderen Personen begonnen, da sollte ich hören, wie es darum bestellt ist, bestimmt kann ich dafür etwas tun …

Es folgen weitere Impulse, die seine erste Familie betrifft und einige Personen aus seinem sozialen Umfeld. Ich frage ihn: ‚Und, wie geht es der Leere damit‘?

„Die ist weg“, meint Herr Z. sichtlich erstaunt.

—-

Drei Monate später treffen wir uns wieder. Herr Z. macht einen deutlich beruhigten Eindruck, und er berichtet von vielen empfindsamen und ihm wohlgesinnten Gesprächen mit den Menschen, die er aufsuchte. Und in vielen dieser Gespräche wäre ihm doch bewusst geworden, dass er ein recht einseitiges und ihn zentrierendes Leben geführt hat. „Das wurde schon auch von anderen wahrgenommen. Aber das ist nun vorbei, denn eins hab ich nicht verlernt: meinem Leben zu antworten.“

 

 

 

Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

„Was sind Ihre kühnsten Hoffnungen bezüglich der Auswirkungen unserer Zusammenarbeit heute?“, leite ich die folgende Sitzung ein.

Herr Z. sagt spontan, er sähe einen großen Gewinn darin, einen anderen Weg zu finden, als den, den ein Bekannter von ihm eingeschlagen hätte. Er hätte diesen jüngst getroffen und er habe berichtet, dass seine Frau vor einem Jahr an Krebs gestorben sei. Die Zeit sei für sie ein reines Martyrium gewesen und er selbst habe sich nach ihrem Tod erst verkrochen, dann wäre eine Art Arbeitswut entstanden, mit der er das gemeinsame Haus komplett umgekrempelt habe. Irgendwann aber hätte er sich die Frage gestellt, was das eigentlich soll und dann wäre er zusammengebrochen. Er wüsste eigentlich immer noch nicht, wie es weitergehen könnte und deshalb würde er nun einfach öfter in die Stadt gehen und schauen, ob ihn irgendwas ‚anfixt‘. Aber es sei alles so blutleer und die Leute, die da herumhetzen langweilten ihn mehr als dass sie ihn irgendwie zum Mitmachen ermuntern. „Der Herbert tut mir schon leid, er hat ja noch weniger als ich, noch nicht mal eine Arbeit, die ihn fordert“.

Wie sähe denn der Weg aus, den Sie Ihrem Bekannten gewünscht hätten und den er offenkundig nicht eingeschlagen hat? 

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Die Krise des ‚am Ende zähl nur ich‘

Die Geister der Gier wird man so schnell nicht los. Alles will erobert sein, im Leben soll es üppig zugehen, es soll Spaß machen. Der Mensch giert nach Beachtung und Aufmerksamkeit, erhält er sie nicht, wird die Gier depressiv. Alles zählt jetzt, und so rennen die Menschen ihrem Glück nach und zuweilen auch achtlos an ihm vorbei. Bleibt zu wenig für das Ich übrig, dann muss schnell ein gieriges Feuer entfacht werden, damit die Psyche zu ihrer Befriedigung kommt. Die Ressourcen des Menschen sind endlich, seine Gier erschöpft sich in Erschöpfung und im Verglimmen der eigenen Flamme. Es muss alles jetzt sein, im Morgen kann man zu spät kommen. Dann sind die Körbe vielleicht schon leer. Wie spießig sind doch die, die an andere Denken. Weg mit den Gutmenschen, sie langweilen. Lasst uns geil und lustig sein, das Leben ist kurz und Zeit ist Geld.

Hatte der Mensch je ‚genug‘? Hatte er je das Gefühl, nicht im Modus ‚zu wenig‘ zu sein? Schauen wir uns um, dann finden wir alle Formen der Ausuferung. Wir merken, Gier hat jeder. Der eine giert nach Arbeitsleistung und die, die Gier stillen, klagen über ‚zu viel Arbeit‘. Der andere giert nach den Leckereien des Kühlschranks und die, die Folgen zu bezahlen haben, klage über ‚zu viel der Kosten des Gesundheitswesens‘. Der nächste giert nach Macht und die, die sie zu spüren bekommen, klagen über ‚zu viel Stress am Arbeitsplatz‘. Der übernächste giert nach Deutschtum und die, denen das fremd ist, klagen über ‚Fremdenhass‘.
Die Leistung der Kinder? Sind nicht genug. Also hinein mit Barbituraten.
Das Leben ist lebenswert? Nicht genug. Also hinein mit Speed, Ecstasy und Crystal Meth.
Geld, Sex, Einfluss, Kontakte ….. – Nicht genug.

Das ’nicht genug‘ ist eines der wesentlichen Themen in jeder Psychotherapie. Dazu zwei Perspektiven.

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Methode ‚Dereflexion‘

Unter den Stichworten ‚Selbstdistanzierung‘ und ‚Selbsttranszendenz‘ wurde in der KrisenPraxis bereits über die einzig dem Menschen vorbehaltene Fähigkeit gesprochen, sich von seinen Ängsten, Zwängen, Stimmungen usw. selbst zu distanzieren. Aus dieser Fähigkeit heraus ergibt sich die zweite, nämlich das eigene Ego zu vergessen und sich einen Beitrag für etwas oder jemanden zu leisten, der man nicht selber ist. Selbstvergessenheit ist eine hohe Kompetenz – sie bewahrt den Menschen davor, zu viel Augenmerk auf sich, seine Probleme, Störungen oder die Krisensituation zu lenken. In einer solchen Form der ‚Hyperreflexion‘ gedeihen letztlich Spiralen der Angst, der Selbstwertminderung, des Rückzugs und vieler anderer psychischer Symptome – und in der Folge die nicht weniger kontraproduktiven Versuche, die Spirale zum Beispiel mit Sucht oder unangemessenen Verhaltensweisen zu durchbrechen.

In der Logotherapie wird daher angestrebt, die Person von ihrer übermäßigen Selbstaufmerksamkeit zu lösen, also eine Dereflexion herbeiführen. Dazu wiederum braucht es einen guten Ersatz, der die frei gewordene Aufmerksamkeit erhält. ‚Hin zum Sinn‘ ist dabei die erwünschte Richtung. Findet der Mensch Sinn, kann die Permanenz der Selbstbeobachtung, des übermäßigen Grübelns, der Schlechtrede in eigener Sache usw. aufhören. Es ist nun die therapeutische Kunst, beides zu schaffen, einen Prozess der Dereflexion einerseits und einen Prozess der Sinnfindung andererseits. Ein wesentlicher Schlüssel dafür liegt in der Entwicklung individuellen Wertebewusstseins – dazu aber an anderer Stelle der KrisenPraxis mehr.

Warum können Engel fliegen?
„Weil sie sich leicht nehmen.“

Keith Chesterton