Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 1

„Ich hätte auch gern ein dickeres Fell.“ „Gegen solche Situationen gibt es ja keine Spritze.“ „Andere nehmen sich so etwas nicht so zu Herzen wie ich.“ „Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren kann.“ Wer so spricht, ist meist überraschend getroffen worden. Und auf dem Weg, der Lage Frau oder Herr zu werden, erkennt man: Es fehlt an etwas Wesentlichem.

Georgie Parker ist ein stattlicher Mann und Besitzer eines schmucken Nachtclubs. Jeden Tag brummt das Geschäft, auch dank seines Mitarbeiters Joe, der ganz wunderbar mit rauchig-knorriger Stimme neben Bass und Alt-Sax seine düsteren Balladen singt. Eines Tages flattert ein Angebot in die Garderobe von Joe – eine stadtbekannte Adresse will ihn abwerben. Als Joe seinen Chef informiert, bemerkt er zwar dessen Gesichtsentgleisung, ahnt aber nicht, dass dies für Parker „Krieg“ bedeutet. Und diesem Krieg fällt Joe fast zum Opfer. Schwer angeschlagen, ist Joe nicht mehr in der Lage, seiner musikalischen Berufung nachzugehen. Er ist fertig. Verzweifelt versucht er, auf die Beine zu kommen, doch es gelingt ihm nicht. Er sucht eine Wendepunkt-Hilfe. In der Akutintervention erarbeitet er sich einen neuen Weg möglicher persönlicher Entfaltung – auf diesem Weg erkennt er zwar, dass er „überleben“ kann, vermisst jedoch die erfüllende Befriedigung in dem, was er tut. Joe verzweifelt, greift zur Flasche, verliert dadurch wichtige Beziehungen, besinnt sich, will wieder anknüpfen und erfährt Abweisungen, auch von ehemals „guten Freunden“. Die Lage ist entsetzlich, und Joe trifft einen Entschluss …

Der Film „Schicksalsmelodie“ mit Frank Sinatra als „Joe“ aus dem Jahr 1957 zeigt die Phasen

  • Zufriedenheit
  • Ereignis mit Einwirkung auf die Psyche und möglicher Verlust von Gelassenheit und Selbststeuerung
  • missglückte Ausgleichsanstrengungen und zunehmende Eskalation
  • Teufelskreis und Griff nach jedem Strohhalm
  • Verlust nahezu jeglicher Widerstandskraft
  • Entscheid: Aufbäumen oder Untergang

Die Dramaturgie des Films und vielleicht jedes Lebens kommt dann zum Spannungshöhepunkt, wenn die Frage im Raum steht: Wie stellt sich der Mensch kritischen Situationen? Biegt er „nur“ oder bricht er unter seiner Situation? Rosemarie Welter-Enderlin skizziert mit diesem Bild den derzeit viel beachteten Begriff der Resilienz: „Resilienz hat mit der Fähigkeit zu tun, sich von Schwierigkeiten zwar beeinträchtigen, aber nicht zerstören zu lassen“.