Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 2

Im Zeitverlauf hat der Resilienz-Begriff unterschiedliche Fokussierungen erlebt. Während Jeanne und Jack Block, die den Begriff Resilienz in den 50er-Jahren unter dem Stichwort Ego-Resilience einführten, ein Persönlichkeitsmerkmal auszumachen meinten, das sich aus dem multifaktoriellen Zusammenspiel von genetischen, biologischen und sozialen Bedingtheiten und Einflüssen entwickelt, sieht Corina Wustmann eher eine im Stresskontext gegebene Kompetenz im Spiel, wenn sie meint, Resilienz sei „die Fähigkeit einer Person oder eines sozialen Systems, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umzugehen.“ Und Pauline Boss ergänzt, „Stress bedeutet, dass die Brücke unter einem gewissen Druck steht; Spannung bedeutet, dass die Brücke schwankt, aber hält; Krise bedeutet, dass die Brücke einstürzt; und Resilienz bedeutet, dass sich die Brücke unter dem auf sie ausgeübten Druck biegt, diesen Druck aber absorbieren kann, ohne dadurch Schaden zu nehmen.“

Dass all diese Definitionen Einende, ist ihre rückwärtsgerichtete Perspektive. Gerät ein Mensch in eine Überlast, so mag im Verlauf der Entlastungsarbeit zwar trefflich analysiert werden, dass der Grad an Resilienz diesen Anforderungen womöglich nicht entsprach. Entweder war dann die Bewältigungsstrategie des Klienten unzureichend oder sein Ressourcen-Set nicht optimal eingestellt. Oder es waren halt multifaktorielle Bedingtheiten, die sich zu einer veritablen Krise auswuchsen und von der Person nicht mehr gehandhabt werden konnten: Resilienz als prozessualer Vorgang oder als skalierbarer Gradmesser für die Robustheit in Belastungssituationen?

Aus der Sicht eines sinnzentriert arbeitenden Therapeuten und Coachs frage ich mich: Wie und woraufhin arbeite ich mit einem Menschen, wenn es um Resilienz geht?
Reichen die von Rosemarie Welter-Enderlin genannten Schutzfaktoren aus, um einen Menschen in seiner Widerstandskraft derart zu stärken, dass die nächste Belastungssituation geschmeidig gemeistert werden kann?

Schutzfaktoren zur Entwicklung von Resilienz (nach: Welter-Enderlin)

  • Positive Lebensmodelle (Vorbilder)
  • Entwicklung von guten Beziehungen zu Vertrauenspersonen
  • Entwicklung von Eigenverantwortlichkeit
  • Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit angelegt sind
  • Glaube an die eigene Kraft, der es ermöglicht, Schwierigkeiten anzupacken, Überwindung der Tendenz, sich als Opfer zu fühlen
  • Entwurf realistischer Ziele im Rahmen einer Langzeitperspektive, gut für sich selbst zu sorgen
  • Mit Mut auf belastende Situationen zu reagieren