Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 3

Betrachten wir die Liste der „Schutzfaktoren“, deren Vorhandensein Resilienz entwickeln helfen soll, so könnten wir schnell zur Annahme kommen, dass sich Menschen deshalb in einer Krise befinden, weil sie eben derart ungeschützt im Leben stehen – von einem positiven Lebensmodell ist wenig zu hören, gute Beziehungen zu Vertrauenspersonen sind rar, der Glaube an die eigene Kraft ist einer lethargischen Grundhaltung gewichen und so weiter.

Was ändert sich aber, wenn wir als sinnzentrierte Berater die individuelle Resilienz nicht in Frage stellen, sondern im Gegenteil als Existenzial, also als jedem Menschen per se gegebene Grund-eigenschaft, festschreiben. Was ist, wenn wir dieses Menschenbild pflegen und auf dieser Basis mit unseren Mitteln einem Krisenbetroffenen helfen, sich auf den aktuell gegebenen Sinn im Leben zu zentrieren?

Ein solches Menschenbild sieht den Menschen als grundsätzlich ausgestattet an, um den Widrigkeiten seines Lebens zu trotzen. Diese Arbeitshaltung bedeutet nicht nur für einen Therapeuten oder Coach, sondern auch für den betroffenen Menschen eine interessante Herausforderung: Oftmals hören wir, dass eine massive Belastungssituation doch eine Reaktion wie Depressivität, Resignation, Antriebsverlust, Gefühllosigkeit oder anderes erzeugen müsse, eine psychische Störung doch „normal“ sei. Erwidern wir, dass es vom konkreten Menschen abhängt, ob dieser sich von den Geschehnissen um ihn herum überhaupt belasten lässt – letzten Endes individuelles Verhalten nicht durch die Bedingungen diktiert wird, die der Mensch antrifft, sondern von den Entscheidungen, die er trifft – so erleben sich in diesem Diskurs unsere Gesprächspartner auf unerwartete Weise geistig mündig und in ihrem freien Willen und ihrer Verantwortlichkeit ernstgenommen.

Trotz und wegen widriger äußerer Umstände die Bedingtheiten in die eigene Hand zu nehmen und über sich hinauszuwachsen, sehen wir als Urgrund menschlicher Resilienz an. Wir stützen uns damit auf die von Viktor Frankl begründete Sinntheorie. In ihr spielt die geistige Dimension eine überragende Rolle, die es dem Menschen ermöglicht, sich dem Sinn im Hier und Jetzt gegenüber auszurichten.