Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 4

In Therapie und Coaching hilft uns dies weiter, wenn wir einen belasteten Menschen jenseits bereits vollzogener oder angedachter, jedoch mit „seiner Selbst“ (noch) nicht im Einklang stehenden Handlungen, zu einer für ihn wirklich sinnerfüllten Entlastung führen. Denn unsere zentrale Arbeitshypothese lautet in diesem Kontext: Die Person ist bereit, sich auf einen ihm Sinn gebenden Lebensentwurf einzulassen – seine Resilienz besteht darin, bislang eine grundsätzlich bejahende Antwort auf sein Leben gegeben zu haben. Die Folge dieser Hypothese ist, mit der Person nicht das ihn aktuelle Verstörende, Traumatisierende, stark Belastende in den Mittelpunkt der Arbeit zu rücken, sondern die Klärung der „Kultur seines Bewusstseins und seiner Bewusstheit“ anzugehen.

Einen zentralen Platz nimmt dabei sein „Sinn-Organ“ ein, das „Gewissen“. Es unterstützt dabei, das einer jeden Situation innewohnende Sinnhafte zu erspüren. In einer Krisen- und Belastungssituation sich von der Stimme des Gewissens tragen zu lassen und Sinnvolles zu tun oder etwas sinnvoll zu unterlassen, verstehen wir „als die Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren“ [Frankl]. Neben dem Bewusstsein, das das Seiende und Wirkliche erkennt, erkundet das Gewissen das Seinsollende, das erst noch zu verwirklichen ist. Das Gewissen zeigt also die Möglichkeiten auf, die auf Verwirklichung warten. Es ist die „Resilienzstruktur“, auf die der Mensch „wieder hin zu springen“ (re-salio) befähigt ist und die eine zutiefst und einzig humane Eigenschaft anzeigt, insbesondere in Situationen, die sich durch Diffusität, Unberechenbarkeit und persönlicher Erschütterung auszeichnen. Ist das Sinnorgan untrainiert, so kann der Mensch den Sinn verfehlen, er kann sich „verirren“.