Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – Fallbeispiel

Gisbert W. ist 52 Jahre alt und Inhaber eines Mittelstandsunternehmens mit einer 490-köpfigen Belegschaft. Seine Frau arbeitet teilzeitig im Unternehmen in der Finanzbuchhaltung und erkrankt durch einen Schlaganfall derart schwer, dass sie nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren kann und die Ärzte einen dauerhaften Pflegefall voraussehen. Frau W. kann sich nicht mehr sprachlich äußern, vermag jedoch Hinweise zu geben, dass sie ihr Umfeld noch deutlich wahrnimmt. Anders als auf den ersten Blick vielleicht zu vermuten, kommt W. jedoch nicht wegen der schwierig zu bewältigenden Situation im Unternehmen in die Therapie, auch nicht die jäh veränderte Lebenssituation mit seiner Frau ist für ihn vorrangig. Gisbert W. hat das Problem, dass seine drei mehr oder minder pubertierenden Kinder von der Mutter erzogen wurden und er sich nun sorge, ob die drei ihren Halt verlieren und womöglich in ein Umfeld geraten, in dem sie einen Ausgleich für die entstandene Belastung suchen. Herr W. malt ein Bild aus Drogen und Kriminalität und damit aus Angst und Misstrauen – die Psyche formt die Angst und der Zugang zum Geist ist blockiert.

Als Gisbert W. mit seinen drei Kindern in der Sitzung erscheint und noch einmal beschreibt, wie er die Veränderungen, den großen Verzicht, seinen Verdruss und seine Last erlebt und welche Sorgen ihn lähmen, fragt eines der Kinder, was denn das Bestmögliche für die Mutter sei? Die sich entwickelnde Sammlung und die mit ihr verbundenen sinnvollen Handlungen zeigen den Sinnanruf deutlich auf, den die Kinder und ihr Vater achtsam vernommen haben.

Durch die Bewusstmachung des Sinnhaften nach einem Ereignis mit Einwirkung auf die Psyche und dem möglichen Verlust von Gelassenheit und Selbststeuerung – zum Beispiel durch einen entsprechend fokussierenden Therapie-Prozess – vermag der Mensch in einem belastenden Ereignis „zurückzuspringen“ in einen Zustand, der ein gelingendes (Weiter-) Leben erlaubt.

Das Bestreben, diesen Verlust nicht zu realisieren, wird im Folgenden in Anlehnung an die von Viktor Frankl beschriebene „Trotzmacht des Geistes“ der ‚1. Grad Trotzmacht‘ genannt. Diese ist der eigentliche Schutzfaktor. Er findet sich nicht ursprünglich in Form physischer Stärke oder Fitness und auch nicht in Form psychodynamischen Erlebens und Verhaltens. Die Heimat der Trotzmacht ist das Geistige. Erst mit dem Einbezug der geistigen Dimension erhält der Mensch die Gelegenheit, sich so oder anders den aktuellen psychophysischen Bedingungen zu stellen. Zeigt der Mensch in existenziell belastender Situation seinen (Über-) Lebenswillen und strebt er nach sinnerfülltem gelingenden Leben, so ist die Quelle dieses Sinnstrebens der menschliche Geist.

Lothar T. wurde vor drei Jahren arbeitslos. Als erfahrener Ingenieur traf ihn die Finanzkrise wie ein Hammerschlag, seine aus Scham und Stolz unterlassenen Hilfsgesuche und das Gefühl, dass ihn sein privates Umfeld zunehmend ausgrenzte, führte anfangs zu einem Aufbegehren gegen die Situation. Als es ihm misslang, neu beruflich Fuß zu fassen und er sich sein Leben mit Alkohol meinte erträglicher gestalten zu müssen, führte dies schnurstracks in eine weithin bekannte Teufelsspirale. Jedoch, ein Freund, der ihm in einem vertrauten und ruhigen Gespräch ausmalte, sich als „Mensch mit 1.000 Talenten und zehn Flaschen Schnaps wohl von der Erde zu verabschieden“ sorgte dafür, dass Lothar T. seinen per se verfügbaren, jedoch durch psychische Fehlhaltungen versteckten ‚2. Grad Trotzmacht‘, – das „Aufbäumen“ – aktivierte. In der Therapie meinte T. dann auch nachvollziehbar, er habe seine Sinnsuche nur auf den Feldern seines Lebensschachbrettes vorgenommen, wo seine Figuren schon standen, nun wäre er bereit für einen neuen, ihm noch unbekannten Lebensentwurf.

Auch in diesem Fall sei betont: Die Resilienz als „Existenzial“ war auch bei diesem Klienten bereits gegeben. Sie ist weit mehr als eine „Ressource“, deren Aufzehrung dazu führen kann, dass der Mensch immer mehr Anstrengungen unternimmt, um in immer kürzerer Zeit den „leeren Akku“ wieder aufzutanken. Sie ist Bewusstheit für das Wesentliche und Sinnerfüllende. Damit jedoch für Lothar T. das „Aufbäumen“ gelingen kann, braucht er einen „Baum“ – einen „Baum der Selbsterkenntnis“ –, dessen Wurzelwerk sein Wertesystem repräsentiert und ihm anzeigt, was ihm zum Beispiel jenseits guter Beziehungen zu anderen Menschen oder vergangener Erfolge selbst in seiner so haltlos erscheinenden Situation Halt gibt.

Erleben wir Menschen, die dieses Aufbäumen vermissen lassen und Signale der „Selbst-Aufgabe“ senden, arbeiten wir mit ihnen konsequent resilienzbasiert und wertezentriert, indem wir mit Verfahren und Reflexionen wie der Werteaufstellung, der Werteanalyse mittels „LebensWerte-Karten“, der Sinnbiographie, der Messung der Bewusstheitsebenen oder der Analyse des „sozialen Atoms“ herausarbeiten, worin bisherige Sinnbeiträge bestanden und wie das „Zurückspringen“ nach Misserfolgen, Trennungen, Verlusten oder anderem in der Vergangenheit vollzogen wurde. Auch schauen wir, in welcher Weise die Person Aspekte seiner Psyche (zum Beispiel: Affekte, Stimmungen, Denkprozesse und anderes) steuert, wie er Humor zeigt, welche Formen der Selbstvergessenheit zum Wohle eines höheren Wertes die Person erwähnt, wovon er träumt, was ihn staunen lässt. Nach dieser, so kurz wie möglich gehaltenen Phase wird die Person bei zeitlich eng getakteter Begleitung darin unterstützt, einen mit ihm und für ihn stimmigen Lebensentwurf zu entwickeln, (s)eine neue „Schicksalsmelodie“ zu komponieren.