Wesensmomente des Gewissens

  • Gewissen ist innerliches Geschehen. Man kann es mir unter Umständen ansehen, wenn mich Gewissensbisse quälen, aber das Geschehen des Gewissens vollzieht sich ausschließlich in meinem Inneren.

  • Ich kann nur mein eigenes Gewissen erfahren. Nur ich selbst höre die Stimme, die mir zuruft: Das bist Du eigentlich. Nur in übertragenem Sinne kann man von „Gewissen der Wissenschaft“ oder vom „Gewissen eines Volkes“ sprechen, erfahrbar ist das nicht.

  • Das Gewissen zielt direkt auf mich. Ich bin der unmittelbar Betroffene, Ich kann dem Spruch des Gewissens nicht unbeteiligt oder neutral gegenüberstehen. Ein anderer kann mir meine Gewissenssache nicht abnehmen. Wie ich aus der Gewissensnot herauskomme, ist meine eigenste Angelegenheit.

  • Das Gewissen spricht zu mit sehr konkret. Es fragt: Wie war mein Tun oder mein Unterlassen in genau dieser Situation möglich?

  • Das Gewissen zwingt mich zum Hören. Deshalb redet man von der Stimme des Gewissens.

  • Der Anruf des Gewissens bringt mich in die innere Einsamkeit. Er zwingt mich, wegzuhören von all den Dingen, die mich gerade in Anspruch nehmen.

  • Wenn ich vom Gewissen betroffen bin, leide ich unter diesem Zustand. Diese eigentümliche Beklommenheit kann sich zur Gewissenslast, zur Gewissensangst und zur Gewissnensqual steigern. Daher redet man von Gewissensbiss oder vom Stachel des Gewissens.

  • Die Heftigkeit der Gewissenserfahrung verändert sich. Sie kann als dumpfe Regung beginnen, sich zu voller Deutlichkeit entfalten und sich auch wieder abschwächen und schließlich verstummen. Ich kann in dieses Geschehen aktiv eingreifen: das Gewissen voll auswirken lassen, oder versuchen, den quälenden Zustand baldmöglichst wieder loszuwerden. Ich gelte dann mehr oder weniger „gewissenhaft“ oder „gewissenlos“.

  • Der Grad des Quälenden liegt nicht im Gewissen, sondern in meinem eigenen Tun.

    nach Wilhelm Weischedel
    Philosoph und Ethiker