Menschenbild der Logotherapie – philosophischer Hintergrund

Viktor Frankl sah es stets als angemessen an, geistige Probleme mit den Mitteln des Geistes zu behandeln und nicht mit Psychopharmaka. Während sich das Leibliche und Psychische wissenschaftlich erforschen lassen und eine Störung dort als mehr oder minder logische Konsequenz eines vergangenen Geschehens angesehen werden kann, spannt sich die geistige Dimension über diese psychophysische Ebene. Sie ermöglicht es dem Menschen, sich zum Beispiel über Resignation, Frustration, Depression und den mit ihnen so oft verbundenen Gefühlen der Hoffnungslosigkeit, Leere, Minderwertigkeit, Angst, Lebenskälte und den daraus meist wahrnehmbaren Reaktionen wie Sucht, Aggressivität, Isolierung und andere mehr zu erheben und zu distanzieren.

Um seine antireduktionistische Lehre vom Men­schen bildhaft zu untermauern, verweist Frankl auf eine Analogie, die aus dem Bereich der Geo­metrie stammt und den Vorgang der Projektion eines dreidimensionalen Gebildes in die Zweidimen­sionalität veranschaulicht.

Projiziert man [vgl. Grafik links] einen Zylinder [also einen dreidimensionalen Körper, etwa ein Trinkglas], in die Zweidimensionalität, so ergibt sich bei einer Grundrissprojektion ein Kreis und bei einer Seiten­projektion ein Rechteck. Die projizierten Abbildungen — Kreis und Rechteck — sind in vielfacher Hin­sicht nicht identisch mit dem projizierten Objekt. Die Abbildungen sind zweidimensional, der Zylinder ist dreidimensional; die Abbildungen sind geschlossen, der Zylinder ist offen; die Abbilder sind Abbil­der, der Zylinder ist Urbild; die Abbilder geben nur Aspekte des Urbildes wieder; die Abbilder wider­sprechen sich gegenseitig. Jedoch, die Geschlossenheit des physiologischen und psychologischen Systems steht nicht in Konfrontation zur Fähigkeit des Menschen, sich den gegebenen Bedingungen zu öffnen und sich ihnen geistig zu stellen – ebenso wenig, wie die Geschlossenheit der projizierten Abbilder eine Konfrontation zur Offenheit des Zylinders bedeute.

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Auf der rechten Seite [vgl. Grafik rechts] werden drei unterschiedliche Objekte projiziert und dies führt zu drei gleichen Abbil­dungen. Von diesen projizierten Abbildungen kann nicht auf die drei verschiedenen Urgegenstände geschlossen werden. Frankl verweist hierzu auf seine therapeutische Arbeitshaltung, wenn er an­merkt, dass zum Beispiel die Projektion einer Person mit einem somatischen oder psychiatrischen Krankheitsbild auf die Ebene der zweidimensionalen physischen oder psychischen Dimension schlussendlich nur zu einer Deutung eben der jeweiligen Krankheit führt, während stets außerhalb der psychiatrischen Ebene liegt, was die Per­son zum Beispiel im Kontext der von ihr erbrachten schöpferischen Leistung, künstlerischen Ästhetik, zwischenmenschlichen Nähe usw. zeigt.
„Innerhalb der psy­chiatrischen Ebene aber bleibt alles so lange mehrdeutig, bis es transparent wird auf etwas anderes hin, das dahinter stehen mag, das darüber stehen mag, gleich dem Schatten, der insofern mehr­deutig war, als ich nicht feststellen konnte, ob es der Zylinder, der Kegel oder die Kugel war, was den Schatten warf.“ [Frankl]

Aus diesen beiden Phänomenen leitet Frankl ab: „Ein und dasselbe Ding, aus seiner Dimension heraus in verschiedene Dimensionen hinein projiziert, die niedriger sind als seine eigene, bildet sich auf eine Art und Weise ab, daß die Abbildungen einan­der widersprechen.“ „Verschiedene Dinge, aus ihrer Dimension heraus [nicht in verschiedene Dimen­sionen, sondern] in ein und dieselbe Dimension hineinprojiziert, die niedriger ist als ihre ei­gene, bilden sich auf eine Art und Weise ab, daß die Abbildungen [nicht einander widersprechen, sondern] mehrdeutig sind.“

Die Projektionsvorgänge entsprechen der von Frankl kritisierten Reduktion des Menschen auf seinen Leib oder seine Psyche. Das Denken in drei Dimensionen hingegen betrachtet den Menschen als ganzheitliches Wesen unter Führung des Geistigen. Deshalb erscheint er als eine Existenz, die durch Freiheit und Verantwortlichkeit, durch Wert- und Sinnorientiertheit, durch Transzendenz ge­kennzeichnet ist.

Als freies und verantwortliches Wesen ist der Mensch kein geschlossenes, sondern ein offenes ‚System‘. Verstünde man ihn als nichts als ein Psychophysikum, dann erschiene er als restlos determiniert und geschlossen. Zum Wesen des Menschen gehört aber beides, in den Bedin­gungen des Psychophysikums zu sein und die Fähigkeit, zu allen Bedingtheiten Stellung und Distanz beziehen zu können.

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