Archiv für den Monat: Dezember 2014

„Schmerzt dich der Verlust einer Sache,
ist es ein Zeichen, dass du sie liebtest, als du sie hattest“

Augustinus

 

Handlungsorientierung – ein Plädoyer für eine Haltung zu Krise und Krisenprävention

Ein Mensch gerät in eine Krise. Er weiß nicht ein, nicht aus.
Er holt sich Rat.

Wann wird wohl am Ende eines Therapie- oder Coachingprozesses ein Menschen sagen können, dass er die Situation überwunden hat?

Unsere Erfahrung: Wenn man eine belastende Situation zu lange und zu genau anschaut, dann verstärkt sie sich, dann ist man im Dienst des Leidens. Die Produktion von Leid ist des Menschen nicht angemessen, denn jeder Mensch hat ein Recht auf ein gelingendes Leben. Besser ist es also, die kürzeste und leichteste Lösung zu wählen. Es geht also darum, durch ein Leid, das nicht verhindert werden kann, möglichst rasch hindurchzugehen. Dies bedeutet: Handeln. Und wohin soll die Handlung weisen? Zum Sinn.

Handlungsorientierte Menschen bringen daher tendenziell ein bessere Voraussetzung mit als stark Lageorientierte, die oft darauf warten, dass sich die Lage um sie herum ändere, damit es auch ihnen selbst wieder besser geht. In diesem Warten steckt das Potenzial, sich immer und immer wieder neu im Leid zu verstricken, den Blick immer wieder zu lenken auf sich selbst im Leid. Und in ihr steckt ein enormes Abhängigkeitspotenzial.

Unser Menschenbild in der KrisenPraxis fußt auf der Sinntheorie Viktor Frankls. Einer der Kernsätze ist es, dass Menschen bewusst oder unbewusst stets nach Sinn streben und sie frei und verantwortlich sind, sich den Bedingungen – so leidvoll sie auch sein mögen – zu stellen. Um mich ’stellen‘ zu können, muss ich von mir selbst wissen, wie ich über mich denke, wie ich mich verhalte, welche Bewusstheit ich zu Lebensthemen einnehme, die ich über mich spreche, woran mein Herz hängt, was mir wesentlich ist. Das ist in seiner Tiefe erfreuende Arbeit, auch wenn womöglich auf dem Weg dieser ‚Selbstaufklärung‘ Lebenserfahrungen erinnert werden, die mich betrüben. Aber im Sinne Frankls: ‚Ich muss mir ja von dem was war, nicht alles gefallen lassen‘.

Handlungsorientierung – warum sie meist die bessere Haltung in Krisen ist

Die Handlungsorientierung einer Person zeichnet aus, dass sie:

– sich selbst dazu aufruft, etwas zu tun und zu ändern
– stellt in Frage, ob es wirklich vieler Informationen bedarf, um zu handeln
– zuerst handelt, dann fragt
– in alternativen Handlungsmöglichkeiten denkt
– sich mit sparsamer Betrachtung vergangener Ereignisse begnügt
– den Anspruchscharakter der aktuellen Situation erkennt
– die bestrebt ist, zeitnah die Belastung zu mindern
– deutliche Zeichen der selbstmotivierten Aktivität zeigt
– einen Sollzustand beschreiben kann und diesen auch verfolgen will
– sich nicht scheut, komplexe Handlungen durchzuführen
– ein eher ergebnisgetriebenes Handeln zeigt
– Rückmeldungen erhält wie: Sie sind ein Macher, Oberflächlicher, Wendehals  …
– in ihrem Sprachgebrauch vorrangig den Zeithorizont Gegenwart-Zukunft abbildet

Das – üblicherweise – Gute an der Handlungsorientierung:

– die Person neigt zu einem offenen Herangehen an schwierige Themen
– fokussiert auf das für sie Wesentliche
– strebt nach schnellen Änderungen
– motiviert sich und auch ihr Umfeld selbst dann, wenn die eigene Belastung hoch ist
– gehen angstbefreit an Veränderungen heran
– nehmen Fehler im Handlungsverlauf nicht zu ernst
– sind entscheidungsstark

Zu beachten ist, das dieses ‚an sich Gute‘ in einer Krisensituation umschlagen kann in unzweckmäßig weitere ‚Baustellen‘ und Flüchtigkeitsfehler. Dies zeigt sich so:

– die Person entscheidet zu schnell und ‚aus dem Bauch‘
– achten nicht auf die Auswirkungen ihres Tuns in ihrem Umfeld
– sehen zuerst ihr eigenes Wohl und pflegen ihr ‚Ego‘
– integrieren andere nicht in ihre Überlegungen
– hören nicht auf profunde Empfehlungen aus ihrem Umkreis
– brechen bei größeren Problemen ein und verändern zu schnell ihre Ansichten
– machen ihr Umfeld konfus und verunsichern es auf dumme Weise

Lageorientierung – warum sie sich in einer Krise nicht anbietet

In der Begleitung von Menschen in Krisensituationen achten wir in unserer Therapie- und Coachingarbeit darauf, möglichst schnell herauszuarbeiten, ob sich unser Gesprächspartner in der Lage- oder in der Handlungsorientierung befindet. Diese beiden unterschiedlichen Haltungen, mit einer Situation umzugehen, prägen dann das weitere methodische Vorgehen, unsere Wahl der Interventionen, die Entscheidung für die Form der Stabilisierung, den Umgang mit Emotionen u.a.

Die Lageorientierung zeichnet eine Person aus, die:

– die gegenwärtige Situation genau analysiert
– sich die derzeitige Lage immer wieder vergegenwärtigt
– auf die Suche geht nach vielen Informationen
– viele Menschen nach deren Einschätzung befragt
– sich mit zu vielen Daten, Eindrücken, Vermutungen, Recherchen förmlich ‚überschwemmt‘
– sich emotional damit befasst, was alles geschehen könnte, wenn …
– sich emotional damit befasst, ‚was nicht geht‘ und was ’sicher auch künftig nicht gehen wird‘
– misstrauisch ist gegenüber Handlungsempfehlungen
– sich selbst und ihre Fähigkeiten stark in Frage stellt
– eine Arbeitsweise wählt, in der Kontrolle von außen ausgeübt wird
– eine verweilende Haltung einnimmt ohne erkennbare Änderungsabsicht
– Rückmeldungen erhält wie: Sie sind Verhinderer, Zögerer, Schwierigkeitenfokussierer ….
– in ihrem Sprachgebrauch vorrangig den Zeithorizont Gegenwart-Vergangenheit abbildet

Das – üblicherweise – Gute an der Lageorientierung:

– die Person neigt nicht zu Schnellschüssen und voreiligen Entscheidungen
– sie achtet auf eine ausreichende Informationsbasis
– sie entschleunigt Abläufe
– sie wägt die verschiedenen Facetten der eingetretenen Situation ab
– sie sieht die nächsten Schwierigkeiten, mit denen in einer Krise gerechnet werden könnte
– sie entscheiden, wenn sie ein Gefühl der Sicherheit entwickelt haben
– sie handeln, wenn sie wissen, dass ‚es geht‘ und davon überzeugt sind

Zu beachten ist, dass dieses an ‚an sich Gute‘ in einer Krisensituation umschlagen kann in unzweckmäßige Blockaden und Selbsthindernisse. Dies zeigt sich so:

– die Person trifft keine Entscheidungen und mauert
– sie kommt zu keinen Ergebnissen aus ihren Überlegungen
– sie verzögert Abläufe – auch bereits vereinbarte
– die hindert Prozesse der Entwicklung
– sie entzieht anderen Energie und demotiviert
– sie emotionalisieren andere und verärgern ihr Umfeld
– sie strapazieren die Geduld

Methode ‚paradoxe Intention‘

Die Methode der paradoxen Intention findet insbesondere bei Angst- und Zwangserkrankungen ihre Anwendung. Bei dieser originär logotherapeutischen Vorgehensweise wird der Patient gebeten, sich zum Beispiel genau das wünschen, wovor er Angst hat. Menschen in Angst, versuchen dieser Angst zu entgehen, jedoch ohne Erfolg und es entsteht die Angst vor der Angst. Das logotherapeutische Gegenmittel ist nun das konkrete imaginierte Erleben noch viel stärkerer Angst. Sie mündet letztlich in einer Situation, in der die Person merkt, dass das, wovor sie sich da ängstigt, unmöglich eintreten wird. Diese Erkenntnis ist der wichtige Schritt, um den eigenen Ängsten ihre ‚Grenzen aufzuzeigen‘. In der Regel fließt in den Arbeitsprozess eine Menge Humor ein – Überspitzungen oder Übertreibungen sind in der Anwendung der Methode ausdrücklich erwünscht.

In der paradoxen Intention wünscht sich der Patient also seine Angst auf eine humorvolle Art und kommt dazu, sie quasi auszulachen. Damit distanziert er sich von seinen bisherigen Angst-vorstellungen und leitet damit eine Symptomminderung ein.

Ein Beispiel: Ein Mann will seine Meisterprüfung ablegen. Durch seine extreme Prüfungsangst, die ihn glauben macht, diese wichtige Etappe zu schaffen, ist er wie gelähmt. Unter Anwendung der paradoxen Intention wird er angeleitet, sich zu wünschen, eine Prüfung mit möglichst schlechten Noten und komplett falschen Ergebnissen abzulegen. Er nimmt sich in weiterer Steigerung vor, den Rekord der Minuspunkte einzufahren, in der Zeitung als der zu stehen, der die grottenschlechtesten Antworten gegeben zu haben usw.. Über diese immer irrationaler werdenden Gedanken muss der Patient letztlich selber lachen, die Auflockerung der Stimmung wird ihm helfen, sich von seiner Angst zu distanzieren und sich mit voller Kraft auf die Prüfung zu konzentrieren. Die Rückfallquote ist bei der paradoxen Intention sehr gering, weil die Patienten schnell lernen, sich in ihren Angstsituationen selbst zu helfen.

„Dass etwas schwer ist,
muss ein Grund mehr sein,
es zu tun.“

Rainer-Maria Rilke

Wie sind die Etappen einer Schematherapie?

Hinter allen Schemata stehen unerfüllte Bedürfnisse in der Kindheit, sei es das Verlangen nach Sicherheit, Fürsorge, Grenzziehung u.a.. Die Gründe, warum die Bedürfnisse des Kindes nicht befriedigt wurden, können nicht pauschal damit erklärt werden, dass ihm willentlich Schaden zugefügt wurde. Oft kann sich der heute Erwachsene durchaus erklären, warum es ‚damals so war, wie es war‘. Dennoch hat der einst vollzogene Prozess, mit der Situation als Kind fertig zu werden, nach und nach zu einem Muster, einem Schema geführt. Da dieses Schema für ein gelingendes Leben heute unvorteilhaft ist, es sogar stark behindern kann, empfiehlt sich seine Schwächung. Das heißt: Der Mangel an der Befriedigung früherer kindlicher Bedürfnisse lässt sich zwar nicht mehr ‚gutmachen‘, aber so gestalten, dass Menschen heute besser mit ihren Lebenserfahrungen umgehen und sich aktiv aus ihren – auch weiterhin aktiven – Schemata loslösen können.

Ein schematherapeutischer Prozess beginnt daher mit einer Einschätzung des Therapeuten, ob die Arbeitsform für die Person geeignet ist und mit einer umfassenden Aufklärung des Patienten über die Etappen der therapeutischen Begleitung. Es folgt die Identifikation heutiger dysfunktionaler Lebensmuster und – mit Hilfe entsprechender diagnostischer Verfahren – die Klärung der individuellen psychischen Reaktionen bei der Aktivierung eines kontraproduktiven Schemas. Der Therapeut entwirft anhand dieser Daten sein Fallkonzept, also die Grundlage seiner weiteren therapeutischen Arbeitsplanung. Dieses Konzept wird dem Patienten transparent gemacht und erklärt. Durch die nächsten Sitzungen versteht der Patient immer besser, wie es zur Entstehung des oder der Schemata kam und reflektiert die bisher vollzogenen Bewältigungsstile und deren Bewältigungsreaktionen bei sich und im persönlichen Umfeld. Konkrete, auf die Persönlichkeitsstruktur gefasste Handlungs- und Verhaltensempfehlungen werden gegeben und deren Umsetzung in den Sitzungen besprochen.