Selbsttranszendenz – was ist das denn?

Eine Frau stürzt vom Soziussitz eines Motorrades und liegt leblos am Straßenrand. Viele fahren weiter, einer nicht. Der fast 60jährige sitzt seit sieben Jahren krankheitsbedingt im Rollstuhl. Seine Frau fährt diesmal den Wagen, er ruft ihr zu, stehenzubleiben, dann lässt er sich aus dem Wagen fallen, robbt auf Händen zur Motorradfahrerin. Er sieht, dass die Frau keinen Puls mehr hat, angeschwollen und blau angelaufen ist. Ein Herzstillstand ist zu befürchten. Er legt die Frau in die stabile Seitenlage, nimmt unter Mühen den in die Jahre gekommenen Helm ab und gibt ihr einen starken Schlag auf den Brustkorb. Dann kommt der Sanitätswagen ….
„Ich bin dann weg“, sagt der Helfer. Seine Frau hat in der Zwischenzeit seinen Rollstuhl aus dem Auto geholt, er setzt sich hinein und überlässt en Medizinern die weitere Versorgung. An das Drumherum hat er keinerlei Erinnerung mehr, so konzentriert war er auf die hilflose Frau.

Andreas U. hat sich selbst vergessen. Er war in völliger Hingabe zu dieser Frau. Sein Ego war ausgeschaltet. Er hat sich selbst transzendiert.

Für seine Hilfe erhält er eine Auszeichnung für Zivilcourage.

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Muss es gleich so dramatisch zugehen, um Selbsttranszendenz unter Beweis zu stellen?

Nein, Millionen Eltern machen morgens ihren Kindern das Frühstück, setzen ihnen für den Schulweg eine warme Mütze auf, schauen, ob es ihnen gut geht und sie alles haben, was sie brauchen. Die meisten dieser Eltern denken in diesen Momenten nur an ihr Kind und vergessen sich selbst. Das ist tägliche kleine Selbsttranszendenz.

Dass diese rein menschliche Fähigkeit gerade in eigenen Krisensituationen das Wichtigste ist, was zu tun ist, um die Lage zu bewältigen, mutet im ersten Moment vielleicht unmenschlich an. Auf den zweiten wird genau diese, jedem Menschen gegebene Fähigkeit zu einem Schutzfaktor. Aber wie bei jeder Fähigkeit gilt es, sie zu entwickeln und auszubauen …