Selbst-Transzendenz in Reinform

Als Kind wurde Rob Young von seinem Vater schwer misshandelt. Seine Erlebnisse hätten wohl ausgereicht, um lange Zeit auf einer Psychoanalyse-Coach zu landen. Young entschied sich anders. ‚Du kannst Dich so oder so Deinen Bedingungen stellen. Du hast Dich so eingestellt.‘, würde wohl Viktor Frankl zum ehemaligen Verkäufer aus einem Autohaus sagen, der seinen Job an den Nagel hing, um einen Weltrekord der besonderen Art zu schaffen. Der 31-jährige Brite läuft Marathon. Täglich. Nicht nur, um sich und seinem Ego etwas zu beweisen. Auch das, hatte doch seine Freundin prophezeit, dass er nicht einmal einen schaffen würde. Seit April 2014 hat er es geschafft, täglich einen zu laufen und er ist guten Mutes, sein Ziel zu erreichen, denn der Marathon-Mann, wie er in England nur noch genannt wird, sammelt Spenden für benachteiligte Kinder. Auch mit gebrochenem Zeh, wenn es nicht anders geht. Oder im Schottenrock, weil sich das Kinder von ihm gewünscht haben. Das, was Robert Young tut, hat nach der Überwindung des täglichen psychischen Schweinehundes einen zutiefst geistigen Aspekt. Young transzendiert sich auf das Wohlergehen von Kindern. Vielleicht, weil er selbst eine belastete Kindheit hatte. Vielleicht, weil er heute selbst Vater eines Kindes ist. Vielleicht aber auch, weil er verstanden hat, dass um sich selbst zu kreisen, ihn nicht weiterbringt – oder eben auf die Coach beim Psychiater.

Das, wie Young täglich handelt, wäre vielleicht durch ein Gespräch mit einem Logotherapeuten aus der Schule Frankls auch entstanden. Der Logotherapeut geht mit seinem Patienten ja auf Sinnfindung. Rob Young hat das alleine geschafft und auf eine Frage, die das Leben ihm stellte, geantwortet.

Vielleicht werden Sie nun sagen: Ja, aber ist nicht jeder Vater oder jede Mutter an sich für sein Kind da und kreisen sich die Gedanken nicht stets um das Wohl der Kinder? Reißen sich nicht täglich Eltern ein Bein aus, damit es den Kindern einmal besser geht als einem selbst?

Eine aktuelle Studie berichtet darüber, dass die Zerrissenheit zwischen Kind und Job vor allem bei Müttern der höchste Stressfaktor ist. Aber: Eltern machen sich den meisten Stress selbst. Mehr 60% der befragten Männer und drei Viertel der Frauen sprechen von sehr hohen Ansprüchen und Anforderungen an sich selbst und sind unzufrieden, weil sie glauben, ihrer Rolle nicht zu genügen.
Die Psyche dieser Eltern verleitet sie dazu, sich mehr mit ihren Befindlichkeiten und Sorgen zu befassen, sich mehr um ihr eigenes Ego zu kümmern. Überdies ein risikoreiches Spiel. Denn die ebenfalls befragten Kinder – 90% von ihnen – halten ihre Eltern für die besten der Welt. Hoffentlich nicht nur deshalb, weil sie merken, wie viele Sorgen sich ihre Eltern darum machen, nicht perfekt zu sein.