Trotzkraft des Geistes

Bei starken Belastungen, die Menschen in Familie, Beruf oder Gesundheit erleben, gewinnt das Psychische oftmals zumindest anfangs, nicht selten aber auch über eine recht lange Zeit die Oberhand. Aktiviert der Mensch seine psychischen Abwehrmechanismen und ‚kultiviert‘ er sie, so beginnt eine schleichend immer stärker werdende Abhängigkeit von eben diesen psychischen Reaktionsweisen. Der Mensch wird so zu einem ‚reagierenden Wesen‘, einem Wesen, das den freien Spielraum zwischen Reiz und Reaktion immer kleiner werden lässt. Spricht man einen derart auf sein ‚Psychisches‘ selbstreduzierten Menschen, dann hört man oft einen rechtfertigenden Satz wie: ‚Ich konnte einfach nicht anders.‘

Und doch: Die Möglichkeit zur Bewältigung dieser psychischen Dominanz geht nicht wirklich verloren. Die besondere Gabe des Geistes, ein ‚es hat mich‘ in ein ‚ich habe es‘ umzumünzen, hat bis auf Menschen mit gewissen cerebralen Störungen, jede Person.

Diese besondere humane Gabe ermöglicht es dem Menschen, sich über bestimmte Störungen [zum Beispiel psychische Frustration, Gefühle der Minderwertigkeit, Angst, Zwang, depressive Stimmungen], zu erheben und sich von diesen zu distanzieren.

Ein Beispiel aus Frankls Leben im Konzentrationslager beschreibt die herausragende Trotzkraft menschlichen Geistes. Es handelt von der letzten Scheibe Brot, die ein Hungernder einem noch Bedürftigeren, als er selbst es ist, schenkt. Das Magenknurren und ein niedriger Blutzuckerspiegel des Hungrigen repräsentieren die somatische Dimension. Auf der psychischen Ebene verspürt er ein Verlangen nach Essen, und Essfantasien quälen ihn. Der Hungernde würde nur allzu gerne das Brot selbst essen. Distanziert er sich jedoch von seinem psychischen und physischen Verlangen und gibt die letzte Brotscheibe einem noch Bedürftigeren, so hat das Geistige diesem Verlangen getrotzt.