Kommt ein Burnout von ungefähr?

Die Zahl der komplett Erschöpft-Verzagten steigt – auch in unserer Therapiepraxis. Als Logotherapeut besteht meine Aufgabe darin, meine Patienten zu stabilisieren und mit ihnen einen neuen Weg ‚hin zum Sinn‘ zu entwickeln. Wenn ein Mensch seine Selbstwirksamkeit meint eingebüßt zu haben, kommen dafür oft Erklärungen wie ‚ich habe gerackert wie blöd, doch ich bin einfach nicht vorangekommen‘ oder ‚mein Chef ist auf einem komplett falschen Weg und von uns hat er erwartet, mitzuziehen – koste es, was es wolle‘.

Besteht die erste Therapeutenpflicht nun stets darin, wieder Hoffnung zu stärken, das Selbstgespür des Patienten wieder zu heben und Aufmerksamkeit zu schenken, so komme ich nach und nach auch zur Frage, wann sich erste – überhörte oder verdrängte – Anzeichen beginnender Selbstüberforderung oder -ausbeutung gezeigt haben. Letztlich mit der Absicht, eine gesundende Selbstaufklärung zu betreiben und aus ihr Handlungen für ein gelingendes Leben nach dem Burnout abzuleiten.

Was ich immer wieder dabei feststellen kann: Oftmals finden sich Monate, auch Jahre zuvor bereits diese Erstauslöser. Da nimmt eine Person eine Funktion im Unternehmen auf Geheiß des Vorgesetzten ein, innerlich spürend, dass diese nicht das ist, was sie in ihrer Lebensfreude belässt. Oder durch Ausscheiden von Kollegen, die nicht ersetzt werden, steigt der Workload immer weiter an – bis die eigene Dekompensationsgrenze erreicht ist. In der zunehmenden Kraftlosigkeit kommt der Patient nicht mehr in eine der stabile Ausgangslage, die es ihr ermöglichen würde, ihre angefaulten Kompromisse zu korrigeren und die bedrohende Lebenslage zum Besseren zu wenden. Diese Möglichkeit jedoch – und das erkennen alle und diese Erkenntnis tut doppelt weh – gab es immer. Da sich diese Fälle häufen, suchen heute auch immer mehr Menschen unser Krisenpräventionscoaching auf, und meist erzählen sie von konkreten Fällen aus ihrem Umfeld. „Soweit will ich es nicht kommen lassen …“

Beweggründe für die schleichende Selbstdeformation finden sich in Karrierebildern, die sich eingedenk immer komplexer werdenden Situationen heute weitgehend nicht mehr halten lassen. Neue Arbeitsmodelle – Berufseinsteiger, die in einer Lebensphase sind, die oft nicht mehr geprägt   von Zukunftsvorstellungen der Altvorderen – Economy 4.0 – Arbeit bis 70 – … sind nur einige der Unberechenbarkeiten für die eigene Karriere-Idee. Damit einher gehen Gehaltsvorstellungen, deren Verwirklichung einen Grad an Selbstvernachlässigung beinhaltet, der übersehen wird oder billigend in Kauf genommen wird – bis sich die Lebenssituation aus anderen Gründen dem entgegenstellt.

Das Puzzle gelingenden Lebens wieder neu zusammenzusetzen ist zuweilen für die Betroffenen eine wahre Herkulesaufgabe. Sie merken, wie klein ihre Welt geworden ist, wie eng der Blick, wie schutzlos man durch den Raubbau an den eigenen Ressourcen geworden ist. Therapeutische Begleitung führt letztlich zum ’sinnorientierten Reset‘ und mündet in der Unterstützung einer Rückfall-Prophylaxe.

Wo stehen Sie in Ihrer Fähigkeit zur Selbststeuerung?