Resilienzmessung

Geben Sie ‚Resilienz-Test‘ in eine Suchmaschine ein, so finden Sie auf den ersten Seiten eine Fülle von Anbietern. Keines davon gleich dem anderen, beim genauem Hinsehen werden da allerlei Aspekte wie Zufriedenheit, Motivlage, Beziehungsdichte usw. erfragt, und – ich habe den Selbstversuch gestartet – mit den unterschiedlichsten Ergebnissen. Mal bin ich heute resilient, mal nicht, mal ein wenig. Fassen wir es also zusammen: Vergessen Sie es, Ihre Resilienz heute messen zu wollen, denn dieser Versuch ist Zeitverschwendung. Provokativ formuliert: Warten Sie lieber darauf, in eine Krise zu stürzen und arbeiten Sie sich genau dann durch die Fragekonvolute. Erst jetzt werden Sie vermutlich immer dasselbe Ergebnis erhalten, nämlich: Daumen nach unten!

Eine Krise – und: wir sprechen hier nicht von einem vielleicht außergewöhnlich starken Problem! – hat Sogkraft. Sie zieht sich in alle Lebensbereiche und entzieht auch aus allen Energie. In einer solchen Situation verfügt der Mensch per se nicht mehr über die Schutzfaktoren, die er hatte, als noch alles ‚im grünen Bereich‘ war. Sicher, wer früher die bekannten Resilienzfaktoren sehr gut entwickelt hatte, mag dem gegenüber im Vorteil sein, der dies nicht tat. Dies hat einerseits den Charme der Trivialität, andererseits habe ich in meiner Praxis Menschen erlebt, die auf eine weit kraftvollere Weise als andere ihre Krise überwunden hatten, obwohl ihre sogenannten ‚Schutzfaktoren‘ nur schwach ausgeprägt waren. Mit ihnen zeigte sich, dass der eigentliche Schutzfaktor in der ‚Trotzmacht des Geistes‘ [Frankl] liegt. Und diese lässt sich nun einmal weder messen noch ersetzen durch die anderen, in der wissenschaftlichen Welt zusammengestellten Resilienzfaktoren. [In der KrisenPraxis finden Sie dazu unter dem Stichwort ‚Resilienz‘ weitere Hinweise].

Dazu passt auch dieser Hinweis: 2004 erschienen in der Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie Ergebnisse einer Studie aus Jena, mit der die teststatistische Überprüfung und Validierung einer deutschsprachigen Version der Resilienzskala angestrebt wurde.

http://www.mentalhealthpromotion.net/resources/resilienzskala2.pdf [Manuskriptfassung]

Eine wesentliche Aussage aus der Studie:
„Dabei wird Resilienz von uns als ein Persönlichkeitsmerkmal betrachtet, das prinzipiell über eine Selbstbeurteilungsskala operationalisierbar ist.“

Wir fragen: Wenn die Grundlage eine Selbstbeurteilung ist, wie greifen dann die Resilienzmessungen den Faktor ‚Fähigkeit zur Selbstbeurteilung‘ auf? Mit anderen Worten: Ein Mensch muss in der Lage sein, sich  selbst [besser: sein Selbst] zu beurteilen, und dies setzt ein entwickeltes Maß an nachweisbarer Reflexivität voraus. Mir ist jedoch kein Verfahren bekannt, dass im Vorfeld einer wissenschaftlichen Betrachtung von Resilienz eine Analyse individueller Reflexivität vorgenommen hätte. Wenn das so ist, dann ist nicht auszuschließen, dass Menschen auf einer oberflächlichen Beobachtung ihrer Einstellungen und Verhaltensmuster, auf einer unhinterfragten und damit möglicherweise schöngefärbten Bewertung zum Beispiel ihrer sozialen Beziehungen Resilienztests bearbeiten, die ihnen dann etwas vorgaukeln, was im Ernstfall nicht standhält.

Wenn Sie also Langeweile haben, dann ackern Sie sich ruhig durch die Fragen. Die Antworten jedoch werden an der Realität zerschellen. Nutzen Sie lieber Ihre Zeit zur Selbst-Aufklärung, denn das ist klar: Je besser sie sich selbst kennen, desto besser werden Sie zum Beispiel einschätzen können, ob Sie bei einer eintretenden Krise versuchen, allein oder mit externer Unterstützung ihr selbst entgegenzuwirken.