Wenn Therapie zur Krise führt

Immer mehr Menschen suchen psychotherapeutische Hilfe. Gut 5 Millionen werden es in diesem Jahr sein, die an ihren Ängsten, Selbstzweifeln, Zwängen und Depressionen arbeiten. Die meisten nehmen Hilfe in Therapien in Anspruch, die beihilfefähig sind, also in der Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie. Vielfach gehen die Patienten dabei davon aus, dass die oder der von ihnen gewählte Therapeut[in] eine therapeutische Richtung vertritt, die der Problemstellung angemessen ist. Diese Vorstellung jedoch ist recht fatal. So wenig wie man mit einem Lungenproblem beim Orthopäden gut aufgehoben ist, so wenig passt eine Angstsymptomatik automatisch zu einem Verhaltenstherapeuten. Ist man jedoch froh, überhaupt einen Therapieplatz gefunden zu haben, dann mag man diesen Umstand verdrängen. Und ein Navigationssystem, das einem Menschen die Alternativen aufzeigt und damit Wahlmöglichkeiten eröffnet, ist leider auch nicht entwickelt. Ist der Mensch also psychisch belastet, dann kommt zu dieser Last auch noch die mangelnde Orientierung.

Bleibt also stets zu hoffen, dass kluge Menschen im Umfeld einer betroffenen Person aufmerksam die Symptome wahrnehmen und dann einen tieferen Blick in ‚den Markt‘ werfen. In unserer Praxis für sinnzentrierte Psychotherapie kommen so in aller Regel Menschen, die entweder weit vor ihren eigentlichen Beschwerden bereits von der Logotherapie gehört haben und sich nun an das Sinnkonzept von Viktor Frankl erinnern, oder aber hierzu von Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten angeregt wurden. Als humanistische Therapieform, die meist als Kurzzeittherapie angeboten wird, steht hier im Vordergrund, den Menschen auf den zu findenden Sinn im Leben neu auszurichten. Das ‚Gründeln‘ in der Vergangenheit wird in der originären Logotherapie nach Frankl zugunsten einer Arbeit am gelingenden Leben im Hier und Jetzt so weit wie möglich zurückgestellt.

Wissenschaftlich belegt, jedoch eben nicht von Kassen unterstützt, weil in den deutschen Gremien [anders als in den USA, Japan, Schweiz, Österreich …], die alternative bewährte Therapieformen anerkennen vielfach Lobbyisten sitzen, vermögen Logotherapeuten oftmals eine wirkungsvolle Behandlung anzubieten. Allemal werden Patienten zeitnah einen ersten Beratungstermin erhalten, und in unserer Praxis werden dann etwa 70% der Patienten in eine Logotherapie übernommen. Der übrige Personenkreis hat nach der eingehenden Erstberatung einen Grund dafür erfahren, warum sich die Logotherapie [noch] nicht empfiehlt und welcher therapeutische Zugang sich aus fachlicher Sicht besser eignet. Menschen haben ein Recht auf ein gelingendes Leben – dazu gehört sicher nicht, dass sie bei existenziellen Themen anfängliche Risiken eingehen, die den Therapieerfolg von vornherein erschweren. Jedem Menschen sei daher eine Leitsatz an die Hand gegeben: Die gravierendsten Fehler macht man in der Therapie am Anfang – nicht am Ende.

Nach Fällen, in denen Menschen jahre-, teils jahrzehntelang in Hunderten von Therapiestunden behandelt werden, wird man in der Logotherapie vergeblich suchen. Vielleicht auch, weil originär arbeitende Logotherapeuten meist Privatpraxen leiten und Patienten die Kosten selbst tragen und den Behandlungsverlauf mündig mitgestalten? Oder liegt es daran, dass Logotherapeuten keine Medikation vornehmen, während bei Psychotherapeuten mit Kassenzulassung der – schnelle – Griff zum Rezeptblock möglich ist? Oder vielleicht ist der Grund ein menschlicher? – Machtmissbrauch, Desinteresse am Patienten, Methodeninflation passen nicht zum Menschenbild eines über viele Jahre qualifizierten Logotherapeuten.

Dass eine Therapie sogar zu veritablen Krisen führen kann, zeigen immer wieder Beispiele, in denen Patienten in die Dauerabhängigkeit geraten, über Therapieverläufe ganze Familiensysteme gesprengt werden oder Menschen sich derart selbst in Frage stellen, dass sie erst mühevolle Anschlußbehandlungen wieder vom Kopf auf die Beine stellen. Es gilt also aufzupassen und sich nicht einfach ‚abzugeben‘. Therapeuten haben auch nur ein Herz und einen Kopf – ob es richtig schlägt oder er ein passendes Therapiekonzept zu entwerfen in der Lage ist, braucht einen mitwirkenden Patienten. Von Anbeginn.