Die Distanz des Selbst zu sich selbst

Nein sagen zu können, sich zurücknehmen, sich in Geduld zu üben, eine Nacht über etwas schlafen … – all dies sind Fähigkeiten der Psyche, die dazu dienen, sich in Balance zu halten, befriedigende Beziehungen zu gestalten oder ausgewogene Entscheidungen zu treffen.

Eine darüber hinausreichende Besonderheit des Geistigen besteht darin, dass sich Menschen von äußeren und inneren Umständen zu distanzieren vermögen. „Der Mensch kann von sich abrücken, er kann sich gegenübertreten, ja er kann sich sogar entgegentreten, wenn es notwendig ist, und dieses Sich-selbst-Gegenübertreten muß keineswegs immer nur in einer heroischen Weise erfolgen, sondern es kann auch in einer ironischen Weise zustande kommen. Der Humor ist deshalb eine spezifisch menschliche Fähigkeit, weil er voraussetzt, daß der Mensch lachen kann, und zwar auch über sich selbst lachen kann, über seine eigenen Ängste lachen kann.“ [Frankl: ‚Im Anfang war der Sinn‘]

Bei dieser Form der Selbstdistanzierung bezieht der Mensch einerseits zu seinen psychischen oder körperlichen Bedingtheiten Stellung. So kann er zum Beispiel trotz Schmerzen, Ängsten, Stimmungschwankungen, Stress u.a. einen guten Beitrag zum Beispiel für das Gemeinwohl, eine andere Person oder zur Erledigung einer wichtigen Aufgabe leisten. Zum anderen kann ein Mensch selbstdistanzierend zu dem Teil seines Wertesystems gegenüber Stellung beziehen, das in der gegebenen Situation womöglich nicht sinnerfüllte Entscheidungen, Handlungen oder Verhaltensweisen bewirken würde. Beispielsweise kann eine Person die Verbundenheit zu einem Freund in Frage stellen, wenn dieser seiner Frau auf respektlose Weise begegnet. Würde er sich vom Wert der Freundschaft in dieser konkreten Situation nicht distanzieren, bestünde das Risiko, dass er wider seines Gewissens handelte. Die Fähigkeit also, jederzeit eine Stellung zu den Gegebenheiten und auch zu eigenen Werten einnehmen zu können, zeichnet den Menschen als Menschen aus.