Über sich hinausweisen …

Ein Unglück ist einem Menschen geschehen – und der Betroffene entwickelt eine Idee, wie vermieden werden kann, dass dies anderen Menschen auch passiert.
Ein Paar entzweit sich – und doch achten beide darauf, dass ihre Kinder in einem guten und gesunden familiären Klima weiterhin aufwachsen.
Ein Mensch kann durch Krankheit seiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen – und er überwindet seinen Verlust, indem er erkennt, dass er über Potenziale verfügt, die er in einem anderen Themenfeld konstruktiv einsetzen kann. ….

Selbsttranszendenz ist eine Fähigkeit des Geistes, sich über sich hinaus auf die Aufgabe und Frage zu beziehen, die das Leben dem Menschen in seiner Krise stellt. Viktor Frankl versteht diese Gabe als „anthropologischen Tatbestand, daß Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist, auf etwas oder auf jemanden: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf mitmenschliches Sein, dem er da begegnet. Und nur in dem Maße, in dem der Mensch solcherart sich selbst transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst; im Dienst an einer Sache – oder in der Liebe zu einer anderen Person! Mit anderen Worten: ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine andere Person. Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst – übersieht und vergisst.“ [Frankl in: Ärztliche Seelsorge]

Selbsttranszendenz meint ‚Selbstvergessenheit‘, also eine Haltung, mit der der Mensch keine Zentrierung auf das eigene Ego zeigt, sondern sich offenhält für seine ‚Welt‘ mit ihren Möglichkeiten der Werteverwirklichung – auch dann, wenn durch eine Krise eben diese ‚Welt‘ verletzt oder erschüttert wurde.