Ein wenig Rat aus der KrisenPraxis

Heute war ein junge Frau in unserer Praxis, deren Freund vor einiger Zeit eine Selbsttötung vorgenommen hat. In der Akutphase berichtete sie, habe sie ihre Gefühle und Gedanken einzig ihrer Familie und Freunden anvertraut. Jetzt seien ihr und ihrem Umfeld aber Veränderungen in ihrer Persönlichkeit aufgefallen, und darum suche sie jetzt nach einer Begleitung, „um wieder ins Lot zu kommen“.

In unserer Krisenpraxis arbeiten wir dabei zuerst heraus, ob und in welchem Grad die Klientin in einer Krise steckt. Ist sie in psychischer Not? In welcher Weise besteht Handlungsbedarf? Womit plagt sich die Klienten am meisten? Ihren Freund können wir nicht zurückholen, aber wir können am Leid, am Empfinden von Schuld oder Scham, an Ängsten und an Trauer arbeiten. Je nach dem, wie sich die Klientin im Verlauf stabilisiert, erweitern wir das Spektrum der Handlungen, die sie umsetzen kann, um von ihren Blockaden wegzukommen. Denn – so sachlich dies auch klingen mag – am Ende aller Prozessarbeit steht für uns eine Handlung, die auf der Haltung aufbaut, ein Recht auf ein gelingendes Leben zu haben und dafür frei und verantwortlich einstehen zu können.

Die Klienten sprach über ‚lähmende Angst‘ und die ‚Ablehnung gemeinsamer Mahlzeiten im Familien- oder Freundeskreis‘. Sie würde sich verkriechen und ihren negativen Gedanken freien Raum lassen. Ob denn das normal sei?

Dass Menschen in solchen Situationen erstarren und in tiefe Löcher fallen können, sind völlig ’normale‘ Reaktionen auf ‚unnormale‘ Situationen. Um sich ihnen nicht schutzlos auszusetzen, braucht es Gegenstrategien. Der Klientin war einsichtig, dass die Situation wie in einem Sportstudio auf sie wirkt – sie liegt auf der Matte und über ihr die Hantelstange mit – in ihren Gedanken – viel zu schweren Gewichten. Um diese Last zu stemmen, braucht es eine deutliche Gegenkraft. Diese muss der Klient fühlend wahrnehmen und dazu haben sich extreme scharfe Gewürze ebenso bewährt, wie laute Musik, eiskaltes Wasser oder auch schnelles Treppenlaufen. Auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich, aber bewährte Methoden, um einen Menschen wieder in sein Selbstgespür zu führen. Erlebt sich der Mensch wieder selbstwirksam und handelnd, findet er zu seiner Kontrolle zurück. Mit der Klientin wird wohl in diese Richtung gearbeitet werden.

Gut ist, dass die Klientin ein sie wärmendes Umfeld hat, das auf sie achtet. Hat man in seinem Umfeld einen Menschen, der offenbar eine schwere Belastungssituation erlebt, so sollte man immer versuchen, diese dadurch zu lockern, indem man keine Scheu hat, den Menschen interessiert und durchaus auch neugierig nach dem zu fragen, was ihn umtreibt. Trost, Heiterkeit oder allzu gut gemeinte Empathie sind weniger passende Angebote, vielmehr sollte alles getan werden, um herauszufinden, was der Betroffene zu tun gedenkt, wer im Tagesverlauf bei ihm ist, was er in den kommenden Tagen erledigen muss. Immer wieder ein Zeichen zu setzen, dass das Leben weitergeht, ist eine hilfreiche Unterstützung. Also so pragmatisch wie möglich sein, nicht zuviel über das Warum und Wieso nachfragen, sondern zum passenden Moment die Empfehlung geben, sich von therapeutischer Seite unterstützen zu lassen: Nicht mehr kann aber auch nicht weniger sollte getan werden, um dem betroffenen Menschen Halt zu geben.