Archiv für den Monat: April 2015

Krisenprävention – nicht nur für junge Menschen

[Fortsetzung]

Sich selbst nicht mehr genügend Aufmerksamkeit zu spenden. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Wenn Menschen sich für sich selbst zu wenig Zeit nehmen, dann entsteht schleichend ein Zustand, den wir ‚mangelndes Selbstgespür‘ nennen. Dann funktioniert man zwar, bestimmte Anteile [wie Kompetenz, Schnelligkeit, analytisches Denkvermögen, Organisationstalent usw.] werden auch immer nachgefragt – aber: in existenziell schwerer Lage muss man unbedingt dazu befähigt sein, gelernt zu haben, sich auf sich selbst zu besinnen. Wer sich aus dem Blick verliert und nicht mehr klar hat, mit was man selbst noch dann im Einklang steht, wenn bestimmte Dämme brechen, der läuft Gefahr, sich in Krisen zu verrennen in noch mehr Selbstausbeutung.

Sich den schwachen Signalen nicht zu öffnen. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil viele Krisen irgendwann noch kleine Probleme waren. Ihre Energien wurden verdrängt, der Mut, sie zu hinterfragen, wurde nicht aufgebracht. Aus Scham, aus Sorge, aus Angst. Was man in existenziell schwerer Lage unbedingt wissen muss ist, welche Gefühle dazu führten, dass man Scheuklappen angelegt hat. Mit ihnen erst im Krisenprozess umgehen zu lernen, ist für viele Menschen eine emotionale Herkulesaufgabe. Wer zur Achtung seines Selbstwertes auch die subtilen Veränderungen in seinem Umfeld anschaut und anspricht, kann so manchem Überraschungseffekt ‚wie aus heiterem Himmel‘ von einer Situation konfrontiert zu werden, aus dem Wege gehen.

Sich zu wenig mit potenziellem Fortschritt zu befassen. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Wenn man glaubt, allein mit Wahrung des Status Quo, mit Pflege der Kernkompetenz, mit Perfektionieren des Bestehenden oder anderen Prozessen dieser Art für das Leben gefeit zu sein, der wird in einer existenziell schweren Lage unbedingt zu lernen haben, dass ein Ausweg nur mit einem Fortschreiten aus der Zone des Bekannten einhergehen kann. Neben der Krise kommt nun auch noch das unbekannte Neuland hinzu – ein Paket, das für Menschen oft recht schwer zu heben ist. Warum also nicht rechtzeitig beginnen?

Sich zu wenig mit der Bedeutung von Geld zu beschäftigen. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil die Währung, mit der Krisen weder ausgelöst noch gelöst werden, nicht Geld ist. Besser ist es, rechtzeitig zu reflektieren, für was Geld der Repräsentant ist. Für Freiheit? Oder Ruhe? Oder Macht? Wenn man weiß, was man tun muss, um durch den Mangel an Geld zu scheitern, dann weiß man auch, was man zu tun hat, um trotz Mangel an Geld dies zu verhindern.

[wird übermorgen fortgesetzt]

 

Sage mir, was du von mir denkst,
und ich sage dir, was du mich kannst.

Unbekannter Verfasser – und womöglich eine nicht immer zu einer gelingenden Lebensführung geeignete Haltung

Krisenprävention – nicht nur für junge Menschen

So manche individuelle Krise von heute stellt sich als mangelhafte Reflexion des eigenen Verhaltens oder unzureichend durchdachter Entscheidungen in der Vergangenheit heraus – sie sind also ‚hausgemacht‘. Nun kann man zwar altklug sagen: ‚Ja, hättest Du damals doch ….‘ – das jedoch hilft nicht weiter, wenn die Krise eingetroffen ist. Aber vielleicht gibt es Korrekturmöglichkeiten bei sich selbst oder bei Menschen, die offen sind für eine ‚präventives Wort‘?

Hier unsere ersten 4 von unseren Top 17 – zusammengetragen aus den Biografien von Menschen, die ich in den vergangenen 15 Jahren als Coach und später auch als Therapeut in Krisen begleiten konnte:

Sich mit Menschen zu umgeben, die einen selbst vom Weg gelingenden Lebens abbringen.
Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil man in existenziell schwerer Lage unbedingt gelernt haben muss, sich nicht nur binden, sondern auch trennen zu können. Fällt einem Trennung schwer, dann besteht die Gefahr, dass man sich an etwas klammert, was einen entweder noch weiter in die Belastung führt oder was sich von anderer Seite bereits von einem selbst getrennt hat.

Sich darin einzurichten, das Leben eines anderen zu leben. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil man in existenziell schwerer Lage die ohnehin massive Belastung als noch bedrückender empfindet, wenn mit der Krise etwas aufzugeben ist, was nicht nur mit einem selbst, sondern mit Versprechungen verbunden ist, die man einer anderen Person in Bezug auf die Erfüllung ihrer Erwartungen oder Hoffnungen gegeben hat. Ein Beispiel ist die Zusage am Sterbebett eines Elternteils, den Erhalt des Elternhauses sicherzustellen. Was hier oft unternommen wird, um den anderen zu ‚beruhigen‘, birgt das Risiko, sich eines Tages als Lebensfalle zu zeigen.

Sich nicht um die Menschen zu kümmern, die einem auf dem Weg zu einem gelingenden Leben gut tun. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil man in existenziell schwerer Lage unbedingt auf Erlebnisse zurückgreifen können muss, die einen wieder stabilisieren, erfreuen und zur Wiederanknüpfung aufrufen.

Sich nicht mehr über sein Image, sondern über seine Identität zu definieren. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil man in existenziell schwerer Lage schnell lernt, dass die Menschen, die bisher nur am ‚Schein‘ interessiert waren, in dem Moment, in dem es um das ‚Sein‘ geht, verschwunden sind. Hat man zu erkennen versäumt, welche eigenen Anteile ’scheinbar‘ sind, dann hat man in der Krise gleich zwei Fragetöpfe auf dem Herd: Wer bin ich in Folge der Krise (und, wer war ich zuvor)? und Wer steht mir künftig (noch) nah? Zusammen mit dem eigentlichen Thema der Krise ist diese Gemengelage oft komplett überfordernd. Es lohnt also die Frage, wer einem nur deshalb nahe steht, weil man in einer Weise ‚er-scheint‘ wie es dem anderen gefällt, einem selbst jedoch nicht wirklich entspricht.

[übermorgen geht’s weiter]

Über sich hinausweisen …

Ein Unglück ist einem Menschen geschehen – und der Betroffene entwickelt eine Idee, wie vermieden werden kann, dass dies anderen Menschen auch passiert.
Ein Paar entzweit sich – und doch achten beide darauf, dass ihre Kinder in einem guten und gesunden familiären Klima weiterhin aufwachsen.
Ein Mensch kann durch Krankheit seiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen – und er überwindet seinen Verlust, indem er erkennt, dass er über Potenziale verfügt, die er in einem anderen Themenfeld konstruktiv einsetzen kann. ….

Selbsttranszendenz ist eine Fähigkeit des Geistes, sich über sich hinaus auf die Aufgabe und Frage zu beziehen, die das Leben dem Menschen in seiner Krise stellt. Viktor Frankl versteht diese Gabe als „anthropologischen Tatbestand, daß Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist, auf etwas oder auf jemanden: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf mitmenschliches Sein, dem er da begegnet. Und nur in dem Maße, in dem der Mensch solcherart sich selbst transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst; im Dienst an einer Sache – oder in der Liebe zu einer anderen Person! Mit anderen Worten: ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine andere Person. Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst – übersieht und vergisst.“ [Frankl in: Ärztliche Seelsorge]

Selbsttranszendenz meint ‚Selbstvergessenheit‘, also eine Haltung, mit der der Mensch keine Zentrierung auf das eigene Ego zeigt, sondern sich offenhält für seine ‚Welt‘ mit ihren Möglichkeiten der Werteverwirklichung – auch dann, wenn durch eine Krise eben diese ‚Welt‘ verletzt oder erschüttert wurde.

Die Distanz des Selbst zu sich selbst

Nein sagen zu können, sich zurücknehmen, sich in Geduld zu üben, eine Nacht über etwas schlafen … – all dies sind Fähigkeiten der Psyche, die dazu dienen, sich in Balance zu halten, befriedigende Beziehungen zu gestalten oder ausgewogene Entscheidungen zu treffen.

Eine darüber hinausreichende Besonderheit des Geistigen besteht darin, dass sich Menschen von äußeren und inneren Umständen zu distanzieren vermögen. „Der Mensch kann von sich abrücken, er kann sich gegenübertreten, ja er kann sich sogar entgegentreten, wenn es notwendig ist, und dieses Sich-selbst-Gegenübertreten muß keineswegs immer nur in einer heroischen Weise erfolgen, sondern es kann auch in einer ironischen Weise zustande kommen. Der Humor ist deshalb eine spezifisch menschliche Fähigkeit, weil er voraussetzt, daß der Mensch lachen kann, und zwar auch über sich selbst lachen kann, über seine eigenen Ängste lachen kann.“ [Frankl: ‚Im Anfang war der Sinn‘]

Bei dieser Form der Selbstdistanzierung bezieht der Mensch einerseits zu seinen psychischen oder körperlichen Bedingtheiten Stellung. So kann er zum Beispiel trotz Schmerzen, Ängsten, Stimmungschwankungen, Stress u.a. einen guten Beitrag zum Beispiel für das Gemeinwohl, eine andere Person oder zur Erledigung einer wichtigen Aufgabe leisten. Zum anderen kann ein Mensch selbstdistanzierend zu dem Teil seines Wertesystems gegenüber Stellung beziehen, das in der gegebenen Situation womöglich nicht sinnerfüllte Entscheidungen, Handlungen oder Verhaltensweisen bewirken würde. Beispielsweise kann eine Person die Verbundenheit zu einem Freund in Frage stellen, wenn dieser seiner Frau auf respektlose Weise begegnet. Würde er sich vom Wert der Freundschaft in dieser konkreten Situation nicht distanzieren, bestünde das Risiko, dass er wider seines Gewissens handelte. Die Fähigkeit also, jederzeit eine Stellung zu den Gegebenheiten und auch zu eigenen Werten einnehmen zu können, zeichnet den Menschen als Menschen aus.

Auch in Krisen können knapp formulierte Hilfen angemessen sein

Der Neurologe Antonio Damasio berichtete von einem Patienten mit präfrontaler Schädigung, den er Elliot nannte. Eines Tages fragte Damasio ihn, wann die nächste Sitzung stattfinden könne, und gab ihm zwei Termine zur Auswahl, die nur einige Tage auseinander lagen. ‚Fast eine halbe Stunde lang zählte [der Patient] Gründe für und gegen die beiden Termine auf. Vorangehende Verabredungen, die zeitliche Nähe anderer Verabredungen, mögliche Wetterverhältnisse: praktisch alles, was man bei einer so simplen Frage berücksichtigen kann. … [Er] zwang… uns, nun einer ermüdenden Kosten-Nutzen-Analyse zu folgen, einer endlosen Aufzählung und einem überflüssigen Vergleich von Optionen und möglichen Konsequenzen.‘ Als Damasio ihm den zweiten Termin nahelegte, sagte Elliot einfach: ‚in Ordnung‘.

Quelle: Gigerenzer, G. [2008]: Bauchentscheidungen. S.261