Archiv für den Monat: April 2015

Die Spannweite unseres Denkens und Handelns ist durch das begrenzt, was wir nicht bemerken. Und da wir nicht merken, dass wir es nicht bemerken, können wir nur wenig tun, um uns zu ändern, bis wir merken, wie stark die Tatsache, dass wir es nicht bemerken, unser Denken und Handeln formt.

Ronald David Laing

Wenn die eigene Lebenswelt erschüttert wird – Teil 2

In der Unschärfe das Neue wahrzunehmen, es meist nicht mit Worten fassen zu können und dennoch auf dieses Neue zu vertrauen – das klingt solange utopisch, wie es keine Anknüpfungspunkte gibt, dieses Neue in die individuelle, kulturelle Tradition zu integrieren. Diese ‚Selbstkultur‘ des Menschen besteht aus einem einzigartigen Set an aufgebauten Beziehungen, Interessen, Bräuchen und Gebräuchen, Lernformen, Selbstverständlichkeiten, Distanzierung und Hingezogensein … diese Selbstkultur ist wie ein persönlicher Blumenstrauß, in dem bislang sich versteckende Pflanzen verbergen nun, durch eine Krise, eine neue oder erstmalige Sichtbarkeit erfahren können. Andere Blumen bleiben trotz ihrer erlebten Vergänglichkeit in Erinnerung, der ganze Strauß wird neu gebunden, einzelne Pflanzen erhalten einen neuen Platz – aus sich selbst heraus gewinnt der Strauß seine neue, vielleicht unerwartete, kreative aber nach wie vor auch der eigenen Tradition verpflichtete Form.

Eine Krise wird aus dieser Perspektive eine Krise der selbstkulturellen Tradition. Eines individuellen Straußes an Lebensblumen, den der Mensch in seiner Hand hält, ihn verantwortet, ihm nun Teile entrissen sieht und das verbleibende Gebilde in eine neue Form bindet, das anschlussfähig bleibt an die individuelle Selbstkultur.

Krisenprävention erhält aus dieser Sicht die Aufgabe, durch einen positiven Umgang mit dem eigenen Nichtwissen den Handlungsspielraum zu erweitern, der im Falle einer Krise es dem Menschen ermöglicht, seinen Lebensstrauß zeitnah handelnd neu zu binden, so dass gelingendes Leben weiterhin möglich bleibt. Und dies insbesondere deshalb, weil ‚zeitnahes Handeln‘ dazu einen Beitrag leistet, zu verhindern, dass verdorrt, was zum Erhalt der Selbstkultur wesentlich ist und bleibt. Eine mit dieser Absicht vollzogene präventive Arbeit in eigener Sache führt den Menschen zuerst in eine Phase des Nichtwissens – und hier vorrangig in eine Phase seiner von ihm bislang nicht oder unzureichend reflektierten Lebenswerte. Werden die Werte in dieser Phase ‚erhellt‘, so schließt sich an diese Selbsterkenntnis die Möglichkeit an, Handlungsweisen zu entwerfen, die dann greifen, wenn sich dem Verlauf des Lebens eine Krisensituation in den Weg stellt.

 

Wenn die eigene Lebenswelt erschüttert wird – Teil 1

Krisen erhöhen die Komplexität schlagartig. Wird ohne eine individuelle Krisensituation die Komplexität erhöht, dann gelingt die Bewältigung einer solchen Situation meist mit ‚Vertrauen‘. Als Beispiel dafür kann die Lebenslage eines berufstätigen Paares angesehen werden, das parallel zum Beruf ein Haus baut. Schnell wachsen die Informationen von und über Gewerke zu einem Berg an Details heran, denen die Bauherren nur dadurch herabregeln können, indem sie den von ihnen beauftragten Handwerkern Vertrauen schenken. Geschieht dies anfänglich ohne hinreichende Prüfung der erwarteten Kompetenzen, durch Gutgläubigkeit oder auch durch ein naives Verständnis der Themen, so kann dies im Fiasko enden. Ist jedoch – präventiv – ein gutes Maß an Einschätzung des Könnens entwickelt worden, so kann nun das gerechtfertigte Vertrauen zur Verringerung der individuellen Lasten genutzt werden.

‚Auf was kann ich noch vertrauen‘ –  dieser Satz spiegelt jedoch die Verzweiflung wider, wenn das Fiasko eingetreten ist, eine unerwartete, auf das eigene Lebensmodell zerstörerisch einwirkende Krise erlebt wird. Sicher ganz ‚falsch‘ ist die Reaktion, nichts und niemandem mehr zu vertrauen – so menschlich eine solche Reaktion auch sein mag und so verständlich sie zuweilen auch ist, bedenkt man, dass bei aller Katastrophe sich die Welt einfach weiterdreht und sich morgen schon die anfängliche Anteilnahme durch Dritte weitgehend aufgelöst haben kann oder abgelöst wird von einem Interesse an Themen, die den Schmerz des Einzelnen in den Hintergrund rücken lassen. Dass diese Form der Distanzierung an sich hilfreich ist, um durch sie die Selbstmotivationskräfte des Betroffenen anzuregen, wieder auf die Beine zu kommen, wird aus der Perspektive von Betroffenen zwar oft als beklagenswert, zu früh, zu kalt, zu unmenschlich empfunden. Dennoch: der soziale Prozess als solcher verhilft dazu, sich aus dem vom Brennglas der Krise geworfenen Licht zu entfernen und – wenn auch erst unscharf – wieder die Konturen der ’noch heilen Lebensumgebung‘ sehen zu können.

Anmerkung: Wenn wir mit Menschen über ‚individuelle Krisenprävention‘ sprechen und sie darin beraten, dann verläuft dieser Prozess genau andersherum. Das ‚Brennglas der sicheren Gewohnheiten und des ‚das kann mir doch nicht passieren“  wird erweitert um die Konturen der möglicherweise ’nicht mehr heilen Lebensumgebung‘ und um den bestmöglichen Umgang mit ihr.

In der Unschärfe, die von betroffenen Menschen in Krisen zum Beispiel versprachlicht wird mit: ‚ich weiß nicht so recht, wie es weitergehen kann …‘, ‚mir fehlt die Phantasie, daran zu glauben, dass ich wieder Freude im Leben erfahren werde …‘, wird ein ’neues Nachdenken über sich‘ erforderlich. Wer bin und bleibe ich ‚trotz der Krise‘, welche Verantwortung gilt es nun für mich, zu übernehmen? Welche trotz oder durch die Krise entstandenen, neuen Strukturen können mir helfen, wieder Vertrauen zu schöpfen? Welche Strukturen sind nicht betroffen und können von mir genutzt werden und erhalten mir ein Gutteil an Berechenbarkeit? 

wird morgen fortgesetzt

Wenn jemand seine Lebensgestaltung und wichtige Entscheidungen seines Lebens generell mit kognitiven, rationalen Instrumenten zu lösen versucht, getreu den Prinzipien der europäischen Aufklärung, dann ähnelt er meinen armen, frontalhirn-geschädigten Patienten.

Antonio Damasio

 

Straßen der Sinnfindung

„Sinnfindung durch Werteverwirklichung“, so lautet die zentrale Formel der Sinntheorie. Dem Menschen bewusste Werte lassen sich – so Viktor Frankl – auf ‚drei Hauptstraßen‘ in Lebenssinn ‚ummünzen‘. Die erste Straße ‚hin zum Sinn‘ ist die, ein Werk zu schaffen. Die zweite besteht darin, etwas oder jemanden zu erleben, das einen erfüllt und erfreut. Im Dienst an einem Thema oder in der Hingabe an eine Sache oder zu einer Person [die man jedoch nicht selbst ist!], verwirklichen wir uns mit Orientierung auf Sinn. Die dritte Straße können Menschen letztlich zum Beispiel dann gehen, wenn sie von einer Situation des Schreckens oder Leidens konfrontiert werden, das seinerseits zwar unumkehrbar ist, bei genauem Hinschauen es jedoch bis zum letzten die Möglichkeit offenhält, eine Tragödie in einen Triumph zu verwandeln. Unzählige Beispiele stehen uns für diese besondere Gabe des Menschen, selbst in Grenzsituationen über sich hinauszureichen, aus unserer KrisenPraxis vor Augen.

„Kein Psychiater, kein Psychotherapeut kann einem Kranken sagen, was der Sinn ist, sehr wohl aber, dass das Leben einen Sinn hat, ja – mehr als dies: dass es diesen Sinn auch behält, unter allen Bedingungen.“ [Frankl]

Werteklarheit als Voraussetzung für gelebte Willensfreiheit

„Der Mensch von heute weiß zur Genüge, daß er Triebe hat; was wir ihm zu zeigen haben, wäre eher das Gegenteil, nämlich, daß er auch Geist hat – Geist, Freiheit und Verantwortung.“
Den Menschen als geistiges Wesen anzuerkennen, steht in der Tradition des Menschenbildes von Viktor Frankl. Der Mensch ist stets mehr als Psyche und Körper. Das, was ihn vom Tier im ‚wesen’tlichen unterscheidet, ist seine Geistiges.

Trotz seiner sozialen, biologischen und psychologischen Bedingungen vermag daher der Mensch mit einer veränderten Einstellung, mit der er sich dazu aufruft, seine ihm per se gegebene geistige Freiheit zu nutzen, sich von diesen Bedingungen zu distanzieren, sich neu auszurichten, sich nicht alles von sich selbst gefallen zu lassen, sich zu überwinden. Damit übernimmt er in seiner Freiheit auch Verantwortlichkeit für die Verwirklichung seiner Werte, mit der er letztlich Sinn findet. Sich seine Werte bewusst zu machen, zu selbst darin zu erkennen, welche Werte ihn als Menschen auszeichnen, welche Werte übernommen und welche durch individuelle Entwicklungsschritte entfaltet wurden, hilft Menschen darin, Orientierung über seine ‚Sinn-Freiheit‘ zu gewinnen. Wer diese Auseinandersetzung mit seiner Biografie nicht wahrnimmt und „sein Schicksal für besiegelt hält, ist außerstande, es zu besiegen“ [Frankl].

Pro domo: In unserer Coaching- und Therapiepraxis beraten wir Einzelpersonen mit einer großen Auswahl bewährter Verfahren der Werte-Selbsterkennung darin, ihre individuellen Lebenswerte mit ihrer jeweiligen Entwicklungsgeschichte herauszuarbeiten.

Für Ihr persönliches Krisenmanagement

Als kleiner Helfer in Sachen: Persönliches_Krisenmanagement haben sich diese Informationsseiten bewährt. An passendem Ort aufbewahrt, können sie auch Angehörige darin unterstützen, die wichtigsten Dinge für Sie bei einer Krisensituation in Gang zu bringen.

mit besten Empfehlungen von
Adresse Praxis

Motive

Menschliches Verhalten, Handeln und Entscheiden wird durch Motive beeinflusst, die eine Person im Laufe ihrer Entwicklung als für sie wichtig empfindet und die sie in der Regel für ein gelingendes Leben auch als richtig ansieht.

Der amerikanische Psychologe Steven Reiss forscht seit Mitte der 90er Jahre über die Motive menschlichen Verhaltens. Durch großangelegte Studien fand er die folgenden 16 Lebensmotive, die – aus seiner Sicht – menschliches Verhalten und Tun bestimmen:

Macht – Streben nach Erfolg, Leistung, Führung und Einfluss

Unabhängigkeit – Streben nach Freiheit, Selbstgenügsamkeit und Autarkie

Neugier – Streben nach Wissen und Wahrheit

Status – Streben nach „social standing“, nach Reichtum, Titeln und öffentlicher Aufmerksamkeit

Rache – Streben nach Konkurrenz, Kampf, Aggressivität und Vergeltung

Romantik – Streben nach einem erotischen Leben, Sexualität und Schönheit

Ernährung – Streben nach Essen und Nahrung

Körperliche Aktivität – Streben nach Fitness und Bewegung

Ruhe – Streben nach Entspannung und emotionaler Sicherheit

Anerkennung – Streben nach sozialer Akzeptanz, Zugehörigkeit und positivem Selbstwert

Ordnung – Streben nach Stabilität, Klarheit und guter Organisation

Sparen – Streben nach Anhäufung materieller Güter und Eigentum

Ehre – Streben nach Loyalität und moralischer, charakterlicher Integrität

Idealismus – Streben nach sozialer Gerechtigkeit und Fairness

Beziehungen – Streben nach Freundschaft, Freude und Humor

Familie – Streben nach einem Familienleben und besonders danach, eigene Kinder zu erziehen

Wird einem Menschen sein individuelles und einzigartiges Set an Motiven bewusst, so kann diese Reflexion auch dazu dienen, eine vernünftige Form der Krisenprävention zu praktizieren – sind es doch insbesondere die Motive, von denen Menschen meinen, dass sie sich durch ein eintretendes Krisenereignis nicht mehr in Handlungen oder Entscheidungen transformieren lassen.

 

Warum [nicht nur] bei Krisen am Ende nur die Handlung zählt

Krisen erhöhen die Komplexität für einen Menschen schlagartig. Einem Krisenereignis zum Beispiel im Berufssystem folgen Wechselwirkungen in den privaten Systemen – ein fallender Dominostein bewirkt Instabilität, solange, bis entweder keine weiteren Steine mehr fallen können oder bis eine massive Intervention ein bewusstes ‚Stop‘ setzt. Instabilität wird jedoch durch etwas anderes, was Menschen meist intensiv versuchen, nicht gemindert: durch Analyse.

Dem ‚Mental Research Institute‘ in Palo Alto ist die Erkenntnis zu verdanken, dass Probleme und Lösungen im Kontext menschlicher Veränderungsprozesse nicht sehr eng miteinander verbunden sind. Menschen, die ihre Probleme umfassend und lange analysierten und sie dabei auch immer besser verstanden, machten die Erfahrung, dass ihnen dieser kognitive Aufwand nicht bei der Lösung der Problemstellung half. Umgekehrt jedoch kamen Menschen auf originelle Ideen, denen die Zeit nicht gegeben war, ihre Problemstellung in ihren Tiefen zu ergründen. Die offenkundige Unabhängigkeit von Problem und Lösung wird so heute in Teilen der Psychotherapie zum Anlass genommen, keine Zeit mehr auf Problembeschreibungen aufzuwenden, sondern alle Energie auf das Änderbare zu lenken. Dabei stehen meist zwei Perspektiven im Fokus der Arbeit: ‚Gibt es Zeiten, in denen das Problem nicht auftrat?‘ und ‚Was wäre zu beobachten, wäre das Problem nicht mehr existent?‘ Werden Menschen gut darin geführt, zu entdecken, worin Unterschiede, Ambivalenzen und Ausnahmen lagen und liegen könnten, so finden sie oft schnell zu für sie passenden Handlungsmöglichkeiten.

Auch die originäre sinnzentrierte Psychotherapie nach Viktor Frankl setzt darauf, der ‚Hyperreflexion‘ Einhalt zu gebieten und anstelle einer intensiven Suche nach Ursachen den Blick auf das im Hier und Jetzt sinnvollerweise zu Handelnde zu lenken. Drei kleine Meta-Regeln sind in einem derartigen Perspektivenwechsel in Bezug auf die Arbeit mit komplexen, menschlichen Krisensituationen nützlich:

‚Wenn etwas nicht zerstört ist, dann repariere es nicht.“ – z.B. wenn trotz einer Krisensituation zwischenmenschliche Beziehungen gut intakt sind, dann soll der Klient nicht versuchen, sie als belastet zu interpretieren und versuchen ein Problem zu beheben, wo gar keines besteht.

„Wenn etwas funktioniert, dann mach mehr davon.“ – z.B. wenn ein menschliches Verhalten den persönlichen Schmerz in einer Krise lindert und mindert, dann soll der Klient angeregt werden, dieses Verhalten öfter einzusetzen.

„Wenn etwas nicht funktioniert, hör auf damit und mach etwas anderes.“ – z.B. wenn eine Form der Entspannung nicht wirkungsvoll ist, dann soll der Klient nicht mit der Methode wetteifern, um mit ihr doch eine Wirkung zu erzielen, sondern zügig zu einer anderen Methode greifen.

Allerdings müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass eine häufige Reaktionsform der Menschen angesichts von Krisen, Unübersichtlichkeiten und dementsprechenden Verunsicherungen die ‚Flucht nach vorne‘ ist. Sie äußert sich meist in Hektik, Hyperaktivität, Aktionismus.

Peter Heintel